PERSONAL quarterly 1/2020
PERSONALquarterly 01/20 54 SERVICE _EVIDENZ ÜBER DEN TELLERRAND D ie Wahlforschung befasst sich mit der Erklärung des Wahlverhaltens der Bürgerinnen und Bürger. Aus diesen Erkenntnissen resultieren Erklärungsmo- delle, die ex post, also im Nachhinein, anhand der Erklärungsfaktoren Wahlverhalten und damit Wahlergebnisse schätzen können. Diese Erklärungsmodelle können auch in die Zukunft gewendet werden. Ist die Verteilung der Merkmale der erklärenden Faktoren bekannt, lässt sich mit den Modellen der Wahlausgang schätzen. Aber selbst die Demoskopie spricht bei den Ergebnissen aus den Umfragen vor den Wahlen noch nicht von Prognose, sondern nutzt den Begriff erst am Wahlabend, an dem mit den Ergebnissen aus den Wahltagsbefragungen, den einlaufenden Wahlergebnissen in den Stimmbezirken und den soziodemografischen Merkmalen der Stimmbezirke in komplizierten Schätzmodellen eine Prognose erstellt wird. Angesichts der zunehmenden Volatilität im Wahlverhalten, die sich aufgrund des zunehmenden Wechselwahlverhaltens ergibt, wird deutlich, dass ein Erklärungsteil, auf dem Progno- sen beruhen, nämlich die Schlussfolgerung von der sozialen Lage von Personen auf das Wahlverhalten, an Vorhersagekraft verliert. Es gibt nicht mehr die klare Beziehung zwischen ge- werkschaftlich organisiertemArbeiter und SPD-Wahl oder zwi- schen regelmäßigem Kirchgang und Unionsparteien. Die zweite Unsicherheit für Prognosen entsteht aus der zu- nehmenden Kurzfristigkeit der Entscheidungen in zweierlei Hinsicht: der Entscheidung, zur Wahl zu gehen, und der Wahl- entscheidung. Die unbekannte Größe Wahlbeteiligung macht Vorhersagen deshalb schwieriger, weil über Nichtwähler bei Weitem nicht so viel Wissen und zu Nichtwählern bei Weitem nicht so viele Daten existieren wie zu den Wählern. Wir hatten eine längere Phase steigender Wahlenthaltung, die die Prog nosen schwieriger gemacht hat und haben derzeit eine Phase steigender Wahlbeteiligung, die ähnliche Probleme bedeutet. Wenn nicht klar ist, wer sich beteiligt, ist auch nicht klar, für wen eine Prognose erstellt werden kann. Aber es gibt auch Prognosen, die nicht erst amWahlabend er- stellt werden. Es sind strukturelle Modelle, die auf der Grund- lage von Erklärungsmodellen früherer Wahlen eine Vorhersage geben. Sie stellen auf Faktoren wie Regierungsleistung und ökonomischer Entwicklung ab oder auf die Beurteilung der Bundeskanzlerin oder des Bundeskanzlers oder der Minis terpräsidenten sowie entsprechende Präferenzen. Derartige Modelle gibt es eine ganze Reihe, Gemeinsamkeit ihrer Vorher- sage ist aber im Grunde, dass sie ein normales Wahlverhalten vorhersagen, das auf den gleichen Gründen beruht wie bei vor- herigen Wahlen. Bis zur Wahl, selbst wenn derartige Progno- sen nur ein paar Tage vorher gemacht werden, kann sich aber noch viel ändern. Die Wahlkampfdynamik kann die Bestim- mungsgründe des Wahlverhaltens ändern, wie etwa Schröders Präsenz mit Gummistiefeln bei der Oderflut 2002, die ihn zum Krisenlösungskanzler machte und zum SPD-Wahlsieg beitrug. Ähnlich ist es mit Veränderungen in der Angebotsstruktur des Parteiensystems. Das erst kurz vor der Bundestagswahl 2005 geschmiedete Wahlbündnis von PDS und WASG oder auch die Gründung der AfD relativ kurz vor der Bundestags- wahl 2013 sind dafür Beispiele. Für Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen gilt gleichermaßen: Eine gewachsene poli- tische Beweglichkeit der Wählerinnen und Wähler insgesamt und eine zunehmende Dynamisierung von Wahlkämpfen ma- chen sowohl Prognosen deutlich vor den Wahlen wie auch die Prognosen am Wahlabend faktisch schwieriger. Augenscheinlich werden aber gleichzeitig die Modelle bes- ser. Denn eine deutliche Verschlechterung der Prognosen, ins- besondere an den Wahlabenden, lässt sich nicht unbedingt verzeichnen. Was die demoskopischen Institute an Verbesse- rungen an ihren Modellen vornehmen, ist deren Betriebsge- heimnis. In der akademischen Wahl- und Verhaltensforschung ist eine Möglichkeit der Verbesserung von Vorhersagen, ge- nauere Messungen durchzuführen: Etwa neben den Orientie- rungen der jeweiligen Befragten auch die Einstellungen und die Wahlpräferenzen des sozialen Umfelds der Befragten zu erfragen. Mit dieser Social-Circle-Methode werden Prognosen zur Wahl von in der Öffentlichkeit eher stigmatisierten Par- teien besser, weil Befragte eher zugeben, Personen mit deren Einstellung zu kennen, als diese sich selbst zuzuordnen. Wei- terhin lässt sich für soziale Kontexte ähnlicher politischer Aus- richtung eine größere Stabilität der Präferenzen feststellen. So werden in der German Longitudinal Election Study (GLES), die unter der Obhut der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung (DGfW) bei dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaf- ten angesiedelt ist, Fragen zu den egozentrierten Netzwerken gestellt. Es bleibt eine Aufgabe für die Demoskopie und die Wahlforschung, Messungen und Modelle kontinuierlich zu verbessern. Wahlprognosen in bewegten Zeiten Prof. Dr. Bernhard Weßels ist stellvertretender Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am WZB und lehrt Politikwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
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