PERSONAL quarterly 1/2020

52 SERVICE _FORSCHERPORTRÄT PERSONALquarterly 01/20 Wörter erzeugen Widerstand Kirsten Thommes untersucht an der Universität Paderborn die Mensch-Maschine- Interaktion in der Arbeit. Ihr Ziel: die Technik so zu nutzen, dass die Produktivität steigt. Ruth Lemmer, Freie Wirtschaftsjournalistin in Duisburg E in Phänomen hält die wissenschaftliche Neugierde von Kirsten Thommes stets wach. „Wir haben so viel tolle Technik, aber die Produktivität steigt nicht“, be- obachtet die Professorin für Organizational Behavior an der Universität Paderborn. Sie fragt nach dem Warum und geht den Ursachen gleich in mehreren Forschungsprojekten auf den Grund. „Technik mag man mehr oder weniger“, sagt sie. „Aber am Arbeitsplatz wird sie boykottiert, weil Mitarbeiter der Technik misstrauen.“ Die Wissenschaftlerin kennt genug Beispiele aus unterschiedlichsten Branchen: In der Pflege wird die Hilfssoft- ware für die Dokumentation umgangen oder Lkw-Fahrer wäh- len nicht die kraftstoffsparende Route, die das Navi ansagt. Oft geht es bei dieser Abwehr um Fremd- und Selbstbestim- mung. Wer lässt sich schon gerne etwas von einer Maschine vorschreiben, statt seiner eigenen Erfahrung zu vertrauen. Im Forschungsprojekt „Ecodrive“, gefördert von der IHK Cott- bus, untersuchen Thommes und ihre wissenschaftlichen Partner von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) mit Unterstützung diverser Nutz- fahrzeug- und Telematikhersteller in Feldexperimenten, wie das Fahrerverhalten verbessert werden kann. Ansätze der Verhaltensökonomie zu in- und extrinsischer Motivation so- wie Anreizsysteme spielen in dem Projekt eine Rolle, wenn Telematiksysteme künftig effizient und nachhaltig eingesetzt werden sollen. Roboter als Hilfsmittel funktionieren nicht, weil sie zu viel Science-Fiction transportieren und Misstrauen wecken Ebenso oft wie der Widerwille gegen die Fremdbestimmung durch Maschinen im Arbeitsalltag sind es einzelne Wörter, die Widerstand erzeugen. Etwa der Begriff Roboter. Pflegekräfte wollen, das fand die Projektgruppe „Orient“ heraus, eine He- bebühne, um Patienten umzubetten, aber keinen Heberoboter. „Das klingt wohl zu sehr nach Terminator“, meint Professorin Thommes. „Der Begriff löst negative Stereotype aus, die blo- ckieren.“ Mit ihren finnischen und schwedischen Partneruni- versitäten und finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geht „Orient“ Fragen der Robotik in der Pflege nach und zwar mit dem Ziel, die effektive Nutzung der Technologien zu verbessern. Einbezogen werden neben dem Blickwinkel der Pflegekräfte auch die der älteren Men- schen und ihrer Angehörigen. Diese beiden interdisziplinären Forschungsprojekte brachte Kirsten Thommes mit, als sie im April 2018 an die Universität Paderborn kam. Dort baut sie nun ihre Professur auf, verfolgt diverse nationale und internationale Projekte und hat bei allem einen unverstellten Blick auf die Chancen und Risiken der Digitalisierung in Unternehmen. Da war es nur logisch, dass sie sich auch in ihrer Antrittsvorlesung im Juni 2018 mit der Mensch-Maschine-Interaktion beschäftigte. „We cannot let the humans pay for our mistakes“ nannte die Professorin ihren Vortrag über die Wirkung von Assistenzsystemen auf die Pro- duktivität von Arbeitnehmern. Mit dem Ruf nach Paderborn auf eine unbefristete Stelle in der Fakultät für Wirtschaftswis- senschaften kann die Hochschullehrerin jetzt erstmals Beruf und Familie über mehrere Jahre planen. Typisch für den wis- senschaftlichen Nachwuchs in Deutschland drehte die 40-Jäh- rige bis dahin ihre Runden durch Regionen im In- und Ausland. Jetzt hat die Familie mit zwei Kindern ihren Lebensmittelpunkt von Rotterdam nach Paderborn verlegt und der Ehemann das Pendeln übernommen. Neben den technikgetriebenen Themen stellt Professo- rin Thommes Forschungsfragen zu Teamwork und Zeitprä- ferenzen. Auch hier steht die Performance im Mittelpunkt. Kirsten Thommes und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Julia Hoppe untersuchen, wie sich Heterogenität von Teammit- gliedern auf die Teamperformance auswirkt. Altersdiversität, Zeitpräferenzen, aber auch temporäre Gruppenmitgliedschaft sind Faktoren, die möglicherweise dazu führen, dass Arbeits- gruppen gut oder schlecht funktionieren. Diese zu identifizie- ren, ist Ziel des Projekts. Um den Studierenden frühzeitig einen unbestechlichen Blick auf die Fakten nahezulegen, lehrt die Professorin im Bachelorstudium wissenschaftliches Arbeiten und Methoden. Das ist das harte Brot der Wirtschaftswissen- schaften. Doch den Lohn der Paukerei erhalten die Studieren- den bald danach auf dem Weg zum Master. In einem Seminar entwickeln die Studentinnen und Studenten Forschungsideen zum menschlichen Verhalten in Organisationen. Sie formulie- ren daraus kleine Forschungsaufgaben, die sie selbst in kon-

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==