PERSONAL quarterly 1/2020
51 01/20 PERSONALquarterly experiment die sauberste Lösung, um die Effekte des digitalen Wandels zu isolieren“, meint Forscher Böhm, „doch auch in den jährlichen Befragungswellen erkennen wir, welche Vari- ablen sich verändern und welche Faktoren Ressourcen und Belastungen darstellen.“ Der Arbeitsweg, die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen nehmen Einfluss auf die psychische Belastung – und eben auch Faktoren der Digi- talisierung am Arbeitsplatz. „Die gesundheitlichen Effekte des digitalen Wandels sind allerdings nicht so stark wie häufig an- genommen“, sagt Böhm. Einzelne Ergebnisse zeigen: Die freie Einteilung der Arbeitszeit erhöht Gesundheit und Wohlbefin- den; die Flexibilität des Arbeitsorts mindert die Unzufriedenheit auch bei hoher Arbeitsanforderung; eine aktive Grenzziehung zwischen Arbeit und Familie reduziert Konflikte und fördert die Gesundheit; faire HR-Praktiken verbessern das Gesundheits- empfinden bei digitaler Belastung; jüngere Arbeitnehmer füh- len sich tendenziell häufiger digital überlastet und emotional erschöpft. Das mag überraschen, aber Böhm hat eine einfache Erklärung: „Jüngere haben in der Rushhour ihres Lebens noch keine adäquaten Bewältigungsstrategien entwickelt.“ Ohne Routine in der Mediennutzung entsteht Frust Stephan Böhm gibt Entwarnung: „Das positive Empfinden ge- genüber der gewonnenen Flexibilität und die gleichzeitige Er- schöpfung ergeben oft ein Nullsummenspiel.“ Doch, so Böhm, man kann die verbleibenden Gesundheitsrisiken minimieren. So gilt es, für die digitale Arbeitswelt Erwartungen klar zu formulieren sowie Spielregeln im Team und im Unternehmen zu installieren. Da spielen die Führungskräfte eine nicht un- erhebliche Rolle: Eine gute Beziehung zur Führungskraft ist essenziell, denn sie kann den Mitarbeitern Ängste vor der Di- gitalisierung nehmen. Dabei ist die virtuelle Kommunikation dieser Beziehung zuträglich. Dieser Effekt kippt ins Negative, wenn die Virtualität 50 % der Kommunikation übersteigt. Digitale Teams und ihre Führung stehen auch im Projekt „vLead“ im Fokus. Der interdisziplinäre Forschungsverbund, der mit Praxis-, Umsetzungs- sowie Transferpartnern zusam- menarbeitet, wird vom Bundesforschungsministerium und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds bis Ende 2020 gefördert sowie vom Projektträger Karlsruhe betreut. Conny Herbert An- toni, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsycho- logie an der Universität Trier, koordiniert das Projekt vLead. Da digitale Projekt- und Teamarbeit insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vielfach noch in den Start löchern stecken, wollen die Forscher gerade für KMU Konzepte, Instrumente und Rahmenbedingungen für eine effektive und gesundheitsförderliche Führung digitaler Team- und Projekt- arbeit entwickeln und in den Firmen erproben. Die Grenzen zwischen realer und virtueller Arbeitswelt werden auch dort fließender. Erste Hinweise für die Führungspraxis kann vLead be- reits geben. „In digitalen Teams muss es eine gemeinsame Vorstellung geben, wer was bis wann macht und über welche Medien man dabei jeweils kommuniziert“, beschreibt Conny Antoni. Routinen sind wichtig, damit jeder den Kanal kennt, auf dem jeweils kommuniziert wird – das klingt simpel, muss aber eingeübt werden. Denn sonst entstehen Frust und Be- lastungsgefühle. Das persönliche Gespräch gehört auch für Professor Antoni zu den wichtigen Wegen durch die digitale Welt. Gerade für Rückmeldungen über Arbeitszufriedenheit und Belastungen reichen digitale Kanäle allein zumeist nicht aus. Und: Führungskräfte müssen ein offenes Ohr haben oder entwickeln, etwa für Ressourcenkonflikte, die entstehen, wenn Mitarbeiter gleichzeitig in mehreren Projekten arbeiten. Denn ungünstig verteilte Aufgaben mindern neben dem Wohlbefin- den auch die Arbeitsqualität eines Teams. Professor Antoni ver- sichert: „Mehr geteilte Führung in selbstregulierenden Teams fördert die Teamleistung.“ V. l. n. r.: Prof. Dr. Nadine Pieck (Hochschule Magdeburg-Stendal), Prof. Dr. Stephan Böhm (Universität St. Gallen), Prof. Dr. Conny Herbert Antoni (Universität Trier)
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