PERSONAL quarterly 1/2020
50 SERVICE _DIE FAKTEN HINTER DER SCHLAGZEILE PERSONALquarterly 01/20 D ie Rheinische Post titelt am 18. September 2019 auf ihrer Onlineseite „Homeoffice schlägt auf die Psy- che“. Und die Wirtschaftswoche setzt ihr warnendes Ausrufezeichen online sogar schon am 17. Septem- ber: „Vorsicht Homeoffice!“ Auch ins Medizinerfachblatt Ärzte Zeitung Online schafft es die niederschmetternde Bewertung des heimischen Arbeitsplatzes. „Homeoffice belastet die Psy- che“, lautet dort die Schlagzeile am 17. September. Und weiter heißt es im Vorspann: „Die Heimarbeit wirkt sich negativ auf das seelische Wohlbefinden aus.“ All diese beunruhigenden Nachrichten aus der digitalen Welt basieren auf dem AOK-Fehlzeiten-Report 2019. Die Mitarbeiter des WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK in Berlin haben im Frühjahr rund 2.000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jah- ren befragt. 40 % arbeiten regelmäßig außerhalb des Unterneh- mens, davon die Hälfte im Homeoffice. Selbstständige Planung, Entscheidungsfreiheit und Mitspracherechte werden als großes Plus genannt. Erschöpfung (73,4 %), Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen schlagen auf der Negativseite mehr zu Buche als bei Arbeitnehmern, die ihren Platz im Betrieb haben. Trotz der höheren psychischen Belastung fehlen Mitarbeiter, die im Homeoffice arbeiten, mit 7,7 Tagen deutlich weniger als ihre Kollegen im Betrieb mit 11,9 Tagen. Allerdings zeigen alle diese Werte lediglich Korrelationen und keine Kausalitäten auf. Ob das Homeoffice auch die Ursache für diese Unterschiede ist, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso könnten sich die Tätigkeitsinhalte unterscheiden und diese sowohl verantwortlich für höhere psy- chische Belastung als auch geringere Fehlzeiten sein. Veränderungsprozesse brauchen Zeit für Dialoge Nadine Pieck, die an der Hochschule Magdeburg-Stendal Ge- sundheitsförderung und Prävention im Betrieb lehrt und ei- nen Fachbeitrag im AOK-Report 2019 verfasst hat, legt ihren Schwerpunkt auf „Gestaltungsansätze einer menschzentrierten Technikentwicklung“. Denn neben den erwarteten und häufig kalkulierten Rationalisierungspotenzialen hat für sie in der Arbeitsgestaltung bisher eine gesundheitsfördernde Organi- sationsentwicklung zu wenig Raum erhalten, die aber für das Gelingen der Transformation in Unternehmen notwendig wird. In qualitativen Studien untersuchen Pieck und ihr Projekt- Der digitale Wandel in der Arbeitswelt kann die Gesundheit belasten oder zumindest zu einem Belastungsgefühl führen. Dagegen helfen Transparenz und Spielregeln für alle. Erwartungen klar formulieren team, wie Beschäftigte die Einführung digitaler Technik und deren Auswirkungen auf ihre Arbeitsbedingungen erleben. Belastungen durch Regeln, Abläufe und Konflikte in Organi- sationen werden oft nicht kommunikativ bearbeitet. Werden Mitarbeiter hingegen bei Veränderungsprozessen im Rahmen eines Dialogs einbezogen, erleben sie dies als Wertschätzung. „Unternehmen sollten bei Veränderungen Zeit einplanen und zur Verfügung stellen, damit Mitarbeiter ihre Perspektive ein- bringen können“, so Pieck. Denn neben Lob und Gehalt bewirke Wertschätzung, die sich in transparenten Veränderungsprozes- sen abbildet, ein Erfolg versprechendes wie gesundes Arbeits- klima. Miteinander zu sprechen und sich zuzuhören wecke, so die Forschungserkenntnis aus Magdeburg, Verständnis für die Anforderungen an die gesundheitsförderliche Gestaltung digitaler Arbeitsprozesse. So ließen sich in den Betrieben kon- krete arbeitserleichternde Modelle entwickeln und umsetzen. Ob es um die Dokumentation in Pflegeeinrichtungen oder das Wissen bei der Softwareentwicklung um das, was der Kunde will, geht: Transparente und gut gestaltete Prozesse wirken sich positiv auf das gesundheitsrelevante Erleben der Mitarbeiter aus. „Wenn Menschen einen Dialog erfahren, ist das eine Ge- sundheitsressource“, betont Nadine Pieck. Und weil sie dies in die Unternehmenspraxis implementieren möchte, beteiligt sich die Hochschullehrerin an der Ausbildung künftiger Manager, etwa im Bachelor-Studiengang Mensch-Technik-Interaktion an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Gesundheitliche Effekte geringer als angenommen Auch Stephan Böhm, Professor für Diversity Management und Leadership an der Hochschule St. Gallen und Geschäftsführen- der Direktor des CDI – Center for Disability and Integration, schaut sich an, ob die digitale Arbeitswelt mehr Chancen oder Risiken birgt. Der Forscher ist weitaus optimistischer, wenn es um die Kausalität von Digitalisierung und Gesundheit geht. Böhm hat in den Jahren 2016 bis 2018 drei bevölkerungsre- präsentative Analysen im Auftrag der Barmer Krankenkasse vorgenommen. 8.000 internetnutzende berufstätige Menschen wurden befragt, die Ergebnisse der Längsschnittuntersuchung in aufwendigen Modellen berechnet, um Korrelationen von Kausalitäten zu unterscheiden. „Natürlich wäre ein Labor Ruth Lemmer , Freie Wirtschaftsjournalistin in Duisburg
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