PERSONAL quarterly 1/2020
34 NEUE FORSCHUNG _EIGNUNGSDIAGNOSTIK PERSONALquarterly 01/20 D ie fortschreitende Digitalisierung schafft faszinieren- de Potenziale für die Entwicklung neuer Instrumente der Eignungsdiagnostik: Testverfahren werden als Computerspiel gestaltet, Algorithmen lesen und be- werten Lebensläufe oder analysieren die Sprache und Stimme von Bewerbenden und ziehen Rückschlüsse auf deren Persön- lichkeit. Unklar ist jedoch, wie diese neuen Instrumente der Eignungsdiagnostik auf Bewerberseite wahrgenommen wer- den. Insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels sollte ein Auswahlverfahren bewerberorientiert gestaltet sein. In diesem Beitrag werden daher Ergebnisse von zwei Studien zur Akzep- tanz der klassischen und der neuen eignungsdiagnostischen Instrumente in Selbst- und Fremdauswahl präsentiert. Die klassischen Auswahlverfahren Nach Schuler, Höft und Hell (2014) lassen sich eignungsdiagnos- tische Instrumente in drei Ansätze unterteilen. Eigenschaftsori- entierte Verfahren erheben psychologische Personenmerkmale, die eine Relevanz für beruflichen Erfolg haben. Nach Schmidt- Atzert und Amelang (2012) lassen sich diese u. a. in Leistungs- testverfahren und Persönlichkeitsinventare unterscheiden. Prototypische Vertreter der Leistungstestverfahren sind Intel- ligenztests, bei denen verschiedene Aufgabentypen erfolgreich gelöst werden müssen. In diesen Verfahren wird maximales Leistungsverhalten erhoben. Persönlichkeitsinventare hingegen erheben typisches, normales alltägliches Verhalten zumeist in Form einer Selbstbeschreibung über Zustimmung oder Ableh- nung im Hinblick auf bestimmte Aussagen. Hieraus werden Rückschlüsse auf Persönlichkeitseigenschaften gezogen. Die zweite Verfahrensklasse sind simulationsorientierte Verfahren. Die Prognose des Berufserfolgs geschieht dabei über das direkte Übertragen von beruflich relevanten Situationen in das Auswahl- verfahren. Hierzu zählen u. a. Arbeitsproben, bei denen Bewer- benden eine Aufgabe aus dem späteren Arbeitsalltag gestellt wird. Assessment Center sind Verfahrensbatterien, bei denen eine Reihe von beruflich relevanten Aufgaben simuliert werden. Die letzte Kategorie sind biografieorientierte Verfahren. Diese funktionieren gemäß dem Diktum: „Der beste Prophet zukünf- tigen Verhaltens ist vergangenes Verhalten.“ Interviewfragen, die auf vergangene Erfahrungen, Entscheidungen oder Verhalten Präferenzen von eignungsdiagnostischen Instrumenten in Selbst- und Fremdselektion Von Prof. Dr. Tim Warszta, Julia Oldenburger, Alina Severin, Lena Thiessen und Marie-Christin Lange (FH Westküste) abzielen, sind diesem Ansatz zuzuordnen. Zu diesen Verfahren existiert zumeist eine große Zahl an Validierungsstudien, al- so Studien zum Nachweis der Tauglichkeit jener Verfahren, zu messen, was sie messen sollen, deren Ergebnisse in Meta analysen zusammengefasst sind (vgl. Schmidt/Hunter, 1998; Schmidt/Oh/Shaffer, 2016). Im Hinblick auf die Prognosegüte des Berufserfolgs haben Intelligenztestverfahren, strukturierte Interviews und Arbeitsproben hohe Validitäten. Die Validität von Assessment-Center-Verfahren liegt im mittleren Bereich. Persönlichkeitstestverfahren können je nach Eigenschaft und Tätigkeitsbereich wertvolle Zusatzinformationen zur beruf- lichen Eignung liefern. Über alle Berufe hinweg sind Eigen- schaften wie Gewissenhaftigkeit relevant. Neue digitale eignungsdiagnostische Instrumente Insbesondere durch die Entwicklung digitaler Technologien, die einen schnellen Datentransfer und das Analysieren großer Datenmengen ermöglichen, entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von neuen eignungsdiagnostischen Instrumenten. Im Gegensatz zu den oben beschriebenen klassischen Verfah- ren existiert hierzu noch keine langjährige Forschung. Von den digitalen eignungsdiagnostischen Instrumenten sind der Online-Intelligenztest und das Online-Persönlichkeitsinven- tar die ältesten Verfahren. Die ersten Instrumente dieser Art waren computerbasierte bzw. internetbasierte Versionen der klassischen Papier-Bleistift-Verfahren. Seit den 2000ern wur- den diese Papieradaptionen kontinuierlich weiterentwickelt. Neuere Online-Testverfahren nutzen digitale Möglichkeiten wie den Einsatz von grafischen Elementen sowie Testfragen, deren Schwierigkeitsgrad sich der Leistung der getesteten Person an- passt (sog. adaptive Testverfahren). Neben der Adaption und Weiterentwicklung von Leistungs- testverfahren und Persönlichkeitsinventaren sind in den letz- ten Jahren neue eignungsdiagnostische Instrumente entwickelt worden, die teilweise mit hohem Erfolg vermarktet werden. Be- züglich der eignungsdiagnostischen Güte dieser Verfahren ist anzumerken, dass die Validierung zumeist über Korrelationen mit bereits etablierten Verfahren erfolgt. Die Argumentation diesbezüglich lautet bspw.: Unser Instrument korreliert positiv mit Instrumenten, welche die Persönlichkeitseigenschaft Ge-
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