PERSONAL quarterly 1/2020
29 01/20 PERSONALquarterly PERSONALquarterly: In den 1970er-Jahren prägte Frithjof Bergmann den Begriff New Work und beschreibt damit diejenige „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“. In der klassischen Erwerbs- arbeit finden viele Menschen diese Erfüllung nicht oder nicht mehr. Hochschulabsolventen suchen auch deshalb zum Teil gezielt nach Beschäftigungsmöglichkeiten im Non-Profit-Sektor. Inwieweit kann die Arbeit für eine Non-Profit-Organisation (NPO) diese Erfüllung tatsächlich liefern und wo liegen die Grenzen der Selbstverwirklichung? Renate Siemon: Teilweise kann die Arbeit in Non-Profit-Organi- sationen diese Form der Erfüllung liefern. Allerdings trifft dies vor allem auf die Arbeitsbereiche zu, bei denen der Er- folg relativ leicht sichtbar wird. Die Motivation wird nur dann befriedigt, wenn man erlebt, etwas Sinnstiftendes getan zu haben. Die Herausforderung für NPOs liegt darin, diesen Zu- sammenhang darstellen zu können. Das ist in manchen Be- reichen leicht, weil man den Erfolg unmittelbar erleben kann. Bei konzeptionellen Tätigkeiten ist dieses Erleben nicht unmit- telbar gegeben. Das ist eine Herausforderung für NPOs, da der Anspruch der Beschäftigten so hoch ist. Es geht eben nicht nur ums Geldverdienen. Katja Wahli-Heinen: Das sehe ich auch so. Erfüllung ist natürlich auch ein extrem starker Begriff. Andererseits macht es die Identifikation mit den Organisationszielen leichter, in einem NPO-Umfeld zu arbeiten. Das schafft eine höhere Motivation und fördert im besten Fall auch den Spaß an der Tätigkeit. PERSONALquarterly: Anders gefragt: Welche Sehnsüchte lassen sich auch bei der Arbeit im Non-Profit-Bereich nicht erfüllen? Welche „Enttäuschungen“ sehen Sie am häufigsten? Katja Wahli-Heinen: Mögliche Enttäuschungen entstehen eher durch die Rahmenbedingungen. NPOs sind häufig extern fi- nanziert. Das führt vielfach zu befristeten Verträgen. Flache Hierarchien begrenzen Aufstiegschancen. Das sind Grenzen, die einer Selbstverwirklichung entgegenstehen. Renate Siemon: Im Vergleich zu gewinnorientierten Unterneh- men steckt eine andere Leidenschaft hinter der Tätigkeit und manchmal auch eine ganze Philosophie im Sinne von Werten und Überzeugungen. Das kann zu Widersprüchen bei der Ent- wicklung von Konzepten führen. Wie halten wir es z. B. mit Macht sinnvolle Arbeit glücklicher? New Work bei NPOs zwischen Erfüllung und Enttäuschung Das Interview mit Renate Siemon und Katja Wahli-Heinen führte Prof. Dr. Heiko Weckmüller der Gewerkschaftszugehörigkeit? Hier gibt es immer unter- schiedliche Wege und auch Philosophien, wie man Ziele errei- chen kann. Das ist in einer gewinnorientierten Organisation in dieser Form nicht zu erwarten. Das führt zu zusätzlichem Diskussionsbedarf in NPOs. Katja Wahli-Heinen: Viele haben die Vorstellung, dass in NPOs eine Gruppe von guten Menschen zusammenkommt, die alle solidarisch und uneigennützig auf ein gemeinsames Ziel hin- arbeiten. Dann kommen sie vielleicht in eine bereits größere Organisation und erleben an manchen Stellen bürokratische Hindernisse, Regeln und Vorgaben, mit denen sie nicht ge- rechnet haben. Ich erlebe oft, dass dies als Enttäuschung wahr- genommen wird. Dazu kommen die Fragen „Wohin kann ich mich entwickeln?“ oder „Habe ich Aufstiegschancen?“. Hier sind häufig klare Grenzen gesetzt. Renate Siemon: Richtig. Man mag die Vorstellung haben, dass die Beschäftigten alle glücklich sind, wenn nur die übergreifen- den Organisationsziele erreicht werden. Aber die natürlichen Bedürfnisse nach persönlicher Anerkennung oder auch einer Verbesserung des Gehalts sind auch vorhanden. Die gute Sache an sich ersetzt nicht den Wunsch nach einem angenehmen Arbeitsumfeld, das man zur Verfügung stellen muss. PERSONALquarterly: Viktor Frankl wird die Aussage zugeschrieben: „Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.“ Übertragen auf das Arbeitsleben würde dies bedeuten, dass Beschäftigte auch widrige Arbeitsbedingungen akzeptieren, wenn sie nur sinnvolle Tätigkeitsinhalte haben. Wie ist Ihre Erfahrung hiermit? Renate Siemon: Das stimmt in dieser Formnicht uneingeschränkt. Ich erinnere mich bspw. an engagierte Beschäftigte, die eigene kreative Konzepte entwickelt haben und mit viel Energie um- setzen wollten. Dann stellten sie aber fest, dass die Umsetzung zum Teil sehr komplex und zudem langwierig ist. PERSONALquarterly: In Unternehmen ist gerade „Corporate Pur pose“, das heißt die Festlegung eines übergreifenden Unterneh- menssinns, ein Trendthema. Wenn man die angesprochenen Erfahrungen aus NPOs überträgt, welche Empfehlungen lassen sich dann für Corporate-Purpose-Projekte in Unternehmen ableiten?
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