Immobilienwirtschaft Leseprobe

27 · Immobilienwirtschaft Property Manager und einem Immobilienverwalter im klassischen Sinne? Pruß: Der Property Manager war lange Zeit betriebswirtschaftlicher aufgestellt. Viele Verwaltungen haben das im Ursprung nicht gelernt. Sie haben Vergütungsstrukturen angenommen, die am Markt existierten. Und da ging es eben um Preis nach Einheit und darum, möglichst zwei Euro günstiger zu sein als der Wettbewerb. Aber die Zeiten sind vorbei, das ist nicht die Zukunft. Sondern? Kaßler: Die Zukunft ist die Antwort auf die Frage: „Welche Aufwendungen habe ich und wie kann ich dies eins zu eins in Rechnung stellen?“ Und hier ist unsere Branche stark im Wandel. Ich glaube, dass immer mehr Verwaltungen erkannt haben, dass es richtig ist, unrentable Eigentümergemeinschaften abzustoßen, das ist für das Unternehmen und die Mitarbeitenden gut. Viele Verwaltungen bieten mittlerweile rentable Preise an, auch auf die Gefahr hin, dass sie abgelehnt werden. Wo liegen die weiteren Ziele des VDIV? Pruß: Wir wollen erreichen, dass Immobilienverwaltungen noch stärker in der Politik beachtet werden. Im Moment funktioniert das ganz gut, weil man erkannt hat, dass wir 22 Prozent des deutschen Wohnungsmarktes verwalten und unser Segment der Eigentümergemeinschaften bisher sträflich vernachlässigt worden ist. Es ist wichtig, die Rolle der Verwaltungen dabei zu stärken. Sie sind Mittler zwischen Gesetzgeber, Eigentümer und Mieter, auch Mittler zwischen Eigentümer und Dienstleister. Und da sehen wir die Zukunft. Das haben wir uns unter anderem als Ziel gesetzt und werden dies auch gemeinsam in den nächsten Jahren weiter voranbringen. auseinandersetzen. Vielleicht sollten wir mit der Evaluierung noch zwei Jahre warten. Welche anderen Themen liegen Ihnen am Herzen? Pruß: Etwa was eigentlich mit verwalterlosen Gemeinschaften passiert. Wie können solche Gemeinschaften Verordnungen und Gesetze umsetzen? Wie wird Immobilienverwaltung in fünf Jahren aussehen? Was wird sich verändern? Pruß: Viele Prozesse werden überhaupt keinen Mitarbeiter mehr benötigen. So werden wir z.B. künftig Rechnungen, die die KI eigenständig verbucht, allenfalls noch kontrollieren müssen. Kaßler: Wir werden moderne Paymentsysteme bekommen, automatisierte Rechnungsprozesse. Bestellt ein Miteigentümer ein Dokument beim Verwalter, wird die KI automatisch den Rechnungsprozess auslösen, und nach Bezahlung der Rechnungen wird das Dokument automatisch übermittelt. Der Verwalter selbst wird nichts mehr damit zu tun haben. Gibt es Phantasie für weitere Sachverhalte? Pruß: Klar! Etwa die Legionellenbeprobung. So wie wir bis jetzt arbeiten, dauert das sehr lange in der Verwaltung. Wenn man automatisierte Prozesse aufsetzt, braucht es deutlich weniger Zeit. Oder etwas anderes: Sind wir als Vermittler tätig und vermieten Wohnungen, gibt es bisweilen Hunderte Interessenten. Unser Anspruch ist, allen, die nicht zum Zuge kommen, eine Absage zu schicken. Sonst kannst du schnell eine negative Bewertung erhalten, die zu einem Imageschaden führt. Hier wird uns die KI sehr gute Dienste erweisen. Aber das zeigt ja auch, dass das Thema Groß gegen Klein sich weiter verstärken wird. Kaßler: Es gibt Konzentrationsprozesse, da müssen wir gar nicht drum herumreden. Große Unternehmen haben schneller Synergie-Effekte, die kleinere und mittlere Verwaltungen so nicht haben. Deshalb empfehlen wir immer, den Mittelstandsgedanken in Form von Kooperationen zu leben. Warum nicht gemeinschaftlich eine Software nutzen? Oder eine Buchhaltung? Warum nicht gemeinsam andere Arbeitsschritte organisieren, die in der Verwaltung wichtig sind? So kann man durchaus diesen Größenunterschied wettmachen. Welche Rolle spielen hier die ERFA-Gruppen? Kaßler: Dieses Instrument hilft uns unwahrscheinlich. Die 100 Unternehmen, die dort vereint sind, haben Wettbewerbsvorteile eben durch Kooperationen, die sie miteinander schließen. Pruß: Unser Verwaltungsunternehmen ist ein Familienunternehmen. Wäre es das nicht, würde es möglicherweise nicht mehr am Markt existieren. Der persönliche Draht zu den Eigentümern darf nicht verloren gehen. Automatisierung ersetzt den Verwalter nicht. Der Mittelstand wird nach wie vor eine sehr gute Perspektive haben. Davon bin ich überzeugt. Verwalter sehen sich oft nicht als Property Manager. Wo sehen Sie den Unterschied zwischen einem 1 SYLVIA PRUSS ist seit 1996 selbstständige Immobilienverwalterin und seit letztem Jahr Präsidentin des VDIV 2 MARTIN KASSLER ist seit 15 Jahren Geschäftsführer des VDIV und seit 2022 Geschäftsführer der VDIV Management GmbH 2

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