Mein schönstes Kulturerlebnis war immer dort, wo ich auf Reisen war und eine neue Fertigkeit gelernt habe. Ich bin ein „When in Rome, do as the Romans do“-Mensch. Gerade wenn ich mich länger irgendwo aufhalte, versuche ich, vor Ort etwas Neues auszuprobieren. Und oft bringe ich dieses Neue dann mit in meinen Alltag. Nehmen wir mal das Tanzen: Ich habe Tanzen immer schon geliebt. So standen viele Jahre Jazztanz, aber auch Steppen und Ballett auf meinem Stundenplan. Als ich in Buenos Aires lebte, habe ich dann natürlich Tango gelernt. Der Flamenco musste sein, als ich in Andalusien lebte. Beides sind keine Volkstänze, sondern Kunstformen. Deswegen ist es keineswegs so, dass alle dort lebenden Menschen sie beherrschen. Manche gar mögen sie nicht. Aber als Ausdruck sind sie tief in den Kulturen dieser Regionen verankert. Mir haben sie ein besseres Verständnis für die und eine großartige Verbindung mit den Menschen vor Ort ermöglicht. Das alles ist lange her: rund 25 oder 30 Jahre. Aber meine Liebe zu beidem ist geblieben. Flamenco habe ich jahrzehntelang noch in Deutschland getanzt. Hatte ich doch schon im Studium damit angefangen, weil er mich immer fasziniert hat. In Granada dann habe ich sehr ursprünglichen Flamenco abseits von touristischen Vorführungen erleben dürfen. Und in Buenos Aires hatte ich ein Zimmer in einer Art Bohème-WG gemietet. Alle Mitbewohner waren Tänzer oder Künstler. So kam ich zu wöchentlichen Tango-Privatstunden. In beiden Tanzarten ist das Aussehen irrelevant. Es geht nicht um das äußere Erscheinungsbild. Es geht um Authentizität und die Hingabe im Moment. Größe, Körperform oder Kleidung sind nebensächlich. Der Fokus liegt darauf, wie man sich in den Tanz vertieft und Emotionen ausdrückt. Ich habe oftmals erleben dürfen, wie sehr alte Tänzerinnen und Tänzer besonders bejubelt wurden. Denn sie hatten großartige Ausdrucksformen. Selbst hochbetagt brachten sie noch eine unglaubliche Leidenschaft auf die Tanzfläche. Am stärksten im Gedächtnis geblieben ist mir, als ich hochschwanger Flamenco tanzte. Die Beweglichkeit war zwar etwas eingeschränkt. Auch die Fußarbeit durfte nur mit angezogener Handbremse erfolgen – der Erschütterungen wegen. Aber wo ein Wille ist … Meine Liebe zu beiden Tänzen dauert bis heute an. Diese Erlebnisse haben mich eine Lektion gelehrt, die man auf viele Bereiche im Leben übertragen kann: Authentizität, Leidenschaftlichkeit und Können sind wichtiger als Äußerlichkeiten. Sich auf eine fremde Kultur einzulassen, erweitert immer den Horizont. Solch ein Zugang eröffnet neue Perspektiven. Probiert einfach mal was aus! Selbst wenn das ein singuläres Ereignis bliebe. Bei allem aber nicht vergessen: Forget the dancers, become the dance! KARIN BARTHELMES-WEHR ist Geschäftsführerin des ICG, Beiratsmitglied der HAWK, der Hochschule Trier und der EBZ sowie BusinessMentorin bei IWiL Initiative Women into Leadership WERDE TANZ! Kultur ist AUF REISEN SEIN und neue Fertigkeiten lernen. Vor Ort mal Neues ausprobieren – und dieses Neue dann mit in den Alltag integrieren. Das geht auch mit Tango und Flamenco. 98 · Immobilienwirtschaft · 03 / 2025 Culture Club Mein schönstes Kulturerlebnis
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