91 · Immobilienwirtschaft · 03 / 2025 SOLARPFLICHT FÜR GEWERBE- DÄCHER IN DEUTSCHLAND In den meisten Bundesländern besteht eine Photovoltaikpflicht für gewerbliche Neubauten und bei Dachsanierungen von Nichtwohngebäuden. Nur Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben bislang keine landesweite Regelung verankert. In Bremen tritt die Solarpflicht am 1. Juli 2025 in Kraft, in Nordrhein-Westfalen gilt sie bei Dachsanierungen gewerblicher Objekte ab dem 1. Januar 2026. In Hessen gilt die Pflicht nur für landeseigene Gebäude. Städte und Gemeinden können eigenständig eine PV-Pflicht festsetzen, auch in Bundesländern, die bisher noch keine Regelungen haben. Deswegen sollte vor Projektbeginn das zuständige Bauamt kontaktiert werden. Leichte Glas-Folien-Module und größere Reihenabstände sparen Gewicht. Planungstools auf Basis von Windkanaltests berechnen den Ballast punktgenau, während Sensoren Schneelasten in Echtzeit melden. So produzieren selbst ältere Dächer verlässlich und wirtschaftlich Solarstrom. NETZKAPAZITÄT ALS ENTSCHEIDENDER FAKTOR Stromnetze wurden jahrzehntelang als reine Abwärtsstrecke konzipiert: Große Kraftwerke speisen Hochspannung ein, Trafostufen verteilen die Energie stufenweise bis zum Niederspannungsnetz, wo sie allein abgenommen – also nicht eingespeist – wird. Photovoltaikanlagen dagegen erzeugen Strom am Ende dieser Kette und drücken ihn in entgegengesetzter Richtung zurück. Die Leitungen, Trafos und Schutzsysteme sind für diesen Rückfluss oft nicht ausgelegt: Spannungen steigen, Kurzschlussströme verändern sich, Transformatoren laufen heiß. Kurz: Das ursprünglich „einspurige“ Netz muss plötzlich zweigleisig arbeiten – und stößt dabei an technische Grenzen. In vielen Stadtquartieren und Industriearealen arbeiten die Stromnetze bereits am Limit. „Ein leistungsfähiger Netzanschluss ist heute ein wichtiger Faktor, wenn man Photovoltaikanlagen auf Gewerbeimmobilien plant. Denn der jeweilige Bedarf der Nutzer entspricht nicht immer dem durch die Anlage generierten Strom“, betont Carsten Lümkemann, Director Technical Development bei dem Logistik- und Gewerbepark-Spezialisten Segro, und rät: „Bereits in der Frühphase sollten Analysen zu Netzkapazitäten – etwa Lastflüsse, Trafobelastungen – erfolgen. Je nach Ergebnis können Batteriespeicher oder ein aktives Einspeisemanagement Sinn ergeben, um die Netzanforderungen optimal zu erfüllen.“ GGroße, weitgehend schattenfreie Dächer von Hallen, Büros und Co. sind ideale Standorte für Solaranlagen im Megawatt-Format – und bieten dabei weit mehr als nur eine nachhaltige Stromquelle. Ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln, lassen sich bestehende Immobilien energetisch aufwerten, ihre Betriebskosten senken und ihre Marktposition langfristig stärken. Denn PV-Dachanlagen tragen nicht nur zur Reduktion von CO2-Emissionen bei, sondern eröffnen Eigentümern auch neue wirtschaftliche Potenziale: Sie schaffen zusätzliche Einnahmequellen und können den Wert einer Immobilie spürbar steigern. „PV-Dachanlagen weisen ein erhebliches Wachstum auf, sowohl bei Gewerbeimmobilien als auch auf privaten Hausdächern. Die Gewerbeimmobilien mit Dachanlagen über 30 Kilowatt Leistung stellen aktuell 22 Prozent aller Neuinstallationen dar“, erläutert Dr. Martin Leinemann, Vorstandsvorsitzender der Arbireo Capital AG, die als Investmentmanager unter anderem Photovoltaik (PV) auf Gewerbedächern entwickelt, finanziert und betreibt. „Beim gesetzlichen Ziel von insgesamt 215 Gigawatt Solarleistung bis 2030 fehlen noch Jahr für Jahr mindestens 20 Gigawatt, eine spannende Herausforderung für spezialisierte Investoren.“ VON DER KÜR ZUR PFLICHT Der Gesetzgeber erhöht den Druck: Fast jedes Bundesland schreibt inzwischen bei Neubauten oder umfangreichen Dachsanierungen die Installation von Photovoltaikanlagen vor. Die Details – Mindestflächen, belegte Dachanteile – variieren; Ausnahmen gibt es nur bei technischer Unmöglichkeit oder wirtschaftlicher Unzumutbarkeit: Photovoltaik ist längst von der Kür zur Pflicht geworden. Die Planung einer PV-Anlage setzt im Neubau andere Schwerpunkte als im Bestand. „Im Neubau können Tragstrukturen, Leitungsführungen und Netzanschlüsse von Anfang an auf die Anforderungen einer Photovoltaikanlage ausgelegt werden“, sagt Dr. Karim Rochdi, geschäftsführender Gesellschafter des Projektentwicklers Aventos, der Dienstleister nutzt, um PV auf seinen Objekten zu installieren. Bei bestehenden Objekten dagegen sind meist Anpassungen an vorhandene Lastreserven, statische Nachweise und Modernisierungen nötig. „Im Bestand liegt der Schwerpunkt auf der strukturellen Analyse und der technischen Nachrüstung, um die Einbindung der Anlage an die vorhandene Gebäudetechnik anzupassen“, ergänzt Rochdi. Gerade dort sind detaillierte statische Prüfungen unerlässlich: Module, Gestelle und Wartung bringen schnell bis zu 40 Kilogramm pro Quadratmeter auf die Fläche. Reicht die Reserve, sind ballastierte Systeme ideal – keine Bohrungen, minimales Leckagerisiko, kurze Montagezeiten. Ist dies nicht der Fall – etwa bei knapper Tragkraft oder steiler Neigung –, kommen verschraubte Leichtgestelle zum Einsatz; jede Durchdringung muss dann absolut dicht ausgeführt sein. TEXT Dr. Roland Ernst 1 SONNENKLAR Der Logistik- und Gewerbepark-Spezialist Segro setzt bei seinem Logistics Centre Hamburg Neu Wulmstorf großflächig auf Solarenergie
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==