Immobilienwirtschaft 2/2025

84 · Immobilienwirtschaft · 02 / 2025 Nachhaltigkeit & Technologie Fernwärme füttern ihre wirtschaftlichen Interessen, insbesondere im lukrativen Bereich des Fernwärmeausbaus, um die Planung genau in diese Richtung gezielt voranzutreiben. So stärken sie ihre Marktposition weiter und sichern langfristige Renditen. Dies ist rechtlich zulässig, bedeutet aber nicht zwangsläufig Vorteile für heutige und zukünftige Fernwärmekunden. Ob man nun den Stadtwerken und anderen regionalen Energieversorgern hier einen Vorwurf machen sollte? Eher schwierig. Denn (kommunal-)politisch ist das ja genau so gewollt. Unabhängige Dritte wären neutraler. Daher setzen Städte wie Jena auf unabhängige Planer, die weder an die Kommune noch an die Stadtwerke gebunden sind. Sie sollen die Interessen aller Beteiligten, insbesondere der Stadtwerke und ihrer Kunden, ausgewogen berücksichtigen. Theoretisch könnte die Kommune selbst die Leitung übernehmen – formal ist sie dazu sogar verpflichtet. Allerdings fehlt häufig das notwendige Fachwissen, weshalb auf die Expertise der kommunalen Energieversorger zurückgegriffen wird. Diese handeln jedoch, wie beschrieben, nicht immer im Interesse der Verbraucher, sondern – Stichwort: kommunaler Querverbund – im Interesse der Kommune. Und so beißt sich die Katze bei der Fernwärmeversorgung in den Schwanz. BUNDESFÖRDERUNG MICKRIG Gehen wir von der Kommunal- in die Bundespolitik (und mit welch mageren Mittelchen sie den Umbau der Fernwärmenetze unterstützen will): Fernwärme wird auch deshalb so forciert, weil sie eine Integration erneuerbarer Energien ermöglichen soll. Doch nur wenige Technologien kommen in Frage, um die Hochtemperaturprozesse konventioneller Fernwärmenetze mit Temperaturen jenseits der 100 Grad Celsius zu befeuern, etwa Biomasse oder Wasserstoff. Ersteres scheitert an Ressourcen und Logistik. Wollte man ein Heizkraftwerk – sagen wir mit einer Leistung von 250 MW – im Volllastbetrieb mit Biomasse befeuern, bräuchte man täglich 60 bis 70 Lastwagenladungen Holz. Und Zweiteres? Wasserstoff wird in der Masse nicht verfügbar sein, weil schon heute klar ist, dass die regenerative Variante immer deutlich teurer sein wird als der mittels Dampfreformierung aus Erdgas gewonnene (aktuell etwa das Fünf- bis Zehnfache). Da kann man gleich weiter Erdgas verbrennen. Am Ende bräuchte man also Wärmenetze, die mit niedrigeren Temperaturen betrieben werden können – und in die man andere Wärmequellen wie Abwärme oder Solarthermie oder Umweltwärme etwa über große Wärmepumpen einbinden könnte. Dazu müssten allerdings die bestehenden Netze umgebaut werden. Und damit wären wir wieder bei den Kosten. Und die sind gigantisch. Der Deutsche Städtetag beziffert die nötigen Investitionen für den Umbau der Wärmenetze auf rund 100 Milliarden Euro. Zur Unterstützung stellt der Bund über das Bundesförderprogramm für effiziente Wärmenetze (BEW) sowie das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) finanzielle Anreize bereit. Rohstoffkosten. Fernwärme ist aber auch ohne die Manipulatoren eine Cashcow. Und die wird von den Kommunen kräftig gemolken. Die „Milch“ speist Schwimmbäder, Straßenbahnen und Busse oder den Erhalt von Schulen – alles ohne Zweifel wichtig. Aber für die Fernwärmekunden ist das letztlich doch ein Ärgernis. GEGENBEISPIEL DÄNEMARK Wie es anders geht, zeigt unser nördlicher Nachbar. In Dänemark dürfen Fernwärmeversorger per Gesetz keine Gewinne erwirtschaften. Fernwärme ist dort inzwischen die wichtigste Form der zentralen Wärmeversorgung. Die Netze werden weiter ausgebaut – auch in kleinen Gemeinden, die in Deutschland dafür gar nicht in Frage kommen, auch nicht durch den Kommunalen Wärmeplan (KWP). Ein solches Gesetz ist in Deutschland nicht vorstellbar. Auch wenn wir international betrachtet die Exoten sind. Denn: Ein Stadtwerke-Modell wie in Deutschland gibt es EU-weit nur noch in Österreich. In allen anderen EULändern ist die Fernwärmeversorgung weitgehend durch zwar kommunale, aber unabhängige Versorger – oder nicht monopolistisch – organisiert. Apropos KWP: Laut der staatlichen Energieagentur dena sollte die Kommunalverwaltung die Projektleitung übernehmen, da sie gemeinwohlorientiert agiert. Dies ist auch rechtlich im Wärmeplanungs-Gesetz (WPG) festgelegt. In Städten wie Erfurt, München, Leipzig oder Rostock ist die kommunale Wärmeplanung bereits abgeschlossen oder steht kurz davor – oft unter der Federführung der Stadtwerke. Diese nutzen ihr Fachwissen und AKTUELLE ENTWICKLUNG DER FERNWÄRMEPREISE Die Fernwärmepreise für Großverbraucher sind 2024 im Durchschnitt um acht Prozent auf 130 Euro pro MWh gesunken, wie der VEA Bundesverband der Energieabnehmer in seinem Preisvergleich 2025 ermittelte. Die Preisänderungen fallen jedoch je nach Fernwärmeversorger unterschiedlich aus. Die Stadtwerke Pirna senkten ihre Preise um 44 Prozent, während die Technischen Werke Ludwigshafen einen Anstieg um 33 Prozent verzeichneten. Die unterschiedlichen Preisentwicklungen sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Da die Fernwärmepreise an die Kosten für fossile Brennstoffe wie Gas, Heizöl und Kohle gekoppelt sind, führten die hohen Brennstoffpreise 2022 und 2023 zu steigenden Fernwärmepreisen. 2024 sanken die Brennstoffpreise wieder. Doch die Versorger gaben diese Reduzierung unterschiedlich schnell weiter. Zudem beeinflussen auslaufende Bezugsverträge für Energieträger die Preisgestaltung. Die Preisunterschiede zwischen den Versorgern sind weiterhin erheblich, aber kleiner als in den Vorjahren. 2024 lag der niedrigste Preis bei den Stadtwerken Hamm mit 88 Euro pro MWh, während die Stadtwerke Hanau mit 186 Euro den höchsten Preis aufwiesen – ein Unterschied von 111 Prozent. In den Jahren zuvor betrug der maximale Preisunterschied 340 Prozent (2024) und 425 Prozent (2023). 1 EINSPARPOTENZIALE Verbräuche und Bezüge lassen sich gut digital abgleichen und optimieren

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