89 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Bitte vollenden Sie diesen Satz: Wer eine Immobilie energetisch zukunftsfähig machen will, der sollte … … im Interesse der Nutzer und der langfristen Kosten die Frage beantworten, wie am Standort der Immobilie Energie am günstigsten zur Verfügung gestellt werden kann und die vorhandene Technik richtig effizient funktioniert. Das ist wichtiger als weitere Überlegungen, wie ein Gebäude sinnvoll gedämmt wird. Mein Tipp dazu ist: Bei fast jedem Gebäude lassen sich neben der Heizungsanlage Beistellwärmepumpen mit Luft- oder gegebenenfalls bereits Erdwärme installieren. Diese sind in der Anschaffung nicht zu teuer, können bis zu 30 Prozent der Heizlast decken und den Verbrauch fossiler Brennstoffe bis 65 Prozent reduzieren. Wenn es funktioniert, können die nächsten Schritte weg vom fossilen Brennstoff gegangen werden. Mein Grundsatz ist immer: Einfach das machen, was einfach zu machen ist. Sie sprechen an, dass die Lösung der Energieversorgung eine Erd- oder eine Luftwärmepumpe sein kann. Was favorisieren Sie grundsätzlich? Die Erdwärmepumpe hat eine bessere Jahresarbeitszahl (JAZ). Diese Zahl ist von zwei Faktoren abhängig: von der Höhe der Quellentemperatur und der Höhe der notwendigen Heizvorlauftemperatur. Bei Erdwärme liegt die Quellentemperatur im Heizfall immer höher als bei Luftwärme. Damit benötigt eine Erdwärmepumpe weniger Strom – und das auch bei höheren Vorlauftemperaturen, wie sie z.B. im Bestand benötigt werden. Zum Abschluss noch ein Blick auf die Probleme. Das Beispiel Staufen, wo die Nutzung zu Absackungen geführt hat, dient gerne als Abschreckung für diese Technik. Können Sie hier Ängste nehmen? Ja, denn in Staufen sind nachweislich bei der Planung und Umsetzung Fehler gemacht worden. Zudem ist dann, anstatt die Fehler in den Griff zu bekommen, der Fokus auf die Frage gerichtet worden, wer diese Fehler zu verantworten hat. Dort wurde nicht ordentlich genug gearbeitet. Das, was dort durch das Durchbohren der Gipsschicht passiert ist, lässt sich problemlos vermeiden. Nur weil – am Beispiel der Energieversorgung mit Gas – ein Haus durch einen Fehler in der Gasleitung bzw. -technik in die Luft geflogen ist, hat auch niemand aufgehört, diese Technik einzusetzen. Und wie stehen Sie zur Tiefengeothermie? Bei der Tiefengeothermie ist – anders als bei der oberflächennahen Geothermie – viel mehr Knowhow und Technik erforderlich. Ich halte es für sehr sinnvoll, auch die Tiefengeothermie weiter voranzutreiben und daran festzuhalten. Sie ist der Ergänzungsbaustein zur Wärme- und Stromversorgung, den wir neben PV und Windenergie benötigen. „DER EINSATZ VON GEOTHERMIE MUSS FÜR EIGENTÜMER PLAN- BARER WERDEN.“ in gewisser Weise einem Lotteriespiel gleichen. Wir haben in diesem Bereich aktuell die Tendenz zu einer Überreguliert- und Überkorrektheit. Als Antragsteller einer Genehmigung wissen Sie nicht, was auf Sie zukommt, weil es – abgesehen von der Größe der Anlage, die bestimmte Erfordernisse nach sich zieht – viele Unterschiede gibt, welche Wasserbehörden oder das Bergamt wie mitentscheiden. Alle Eventualitäten, was wie sein könnte, werden im Genehmigungsprozess oft sehr unterschiedlich betrachtet und bewertet. Teilweise erweckt es den Eindruck, dass willkürlich agiert wird. Der Einsatz von Geothermie mit Blick auf Genehmigungsverfahren und die Investitionskosten muss für Immobilieneigentümer planbarer werden. Es fehlt ein Leitfaden, der bundesweit einheitlich zum Einsatz kommt. Insofern begrüße ich, dass die Bundesregierung Ende August 2024 ein Gesetz auf den Weg gebracht hat, das für eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren und bundesweit für mehr Verbindlichkeit für die Eigentümer sorgt. Was empfehlen Sie: Häuser und Gewerbebauten als Einzellösung mit Geothermie zu verwirklichen oder abzuwarten, wie sich die Wärmeplanung in den Kommunen entwickelt und inwieweit dann andere Lösungen besser sein können? Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Ich empfehle, sich bei Sanierungen und Neubauten sehr umfangreich zu informieren, welche Überlegungen es im Umfeld der Immobilie gibt, beispielsweise auch durch die kommunale Wärmeplanung. Geothermie kann der richtige Baustein sein, muss es aber nicht. Sie ist kein Allheilmittel. Auch Abwärme aus anderen Prozessen, beispielsweise in der Industrie oder der Müllverbrennung, und der Anschluss an ein solches Netz können eine Option mit Blick auf eine dauerhafte ganzheitliche Energieversorgung sein, die auch die Möglichkeiten der eigenen Stromerzeugung durch Kraft-Wärme-Kopplung beinhaltet. Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, jetzt ins Handeln zu kommen und nicht auf künftige Technologien zu warten. Gibt es für Sie einen zentralen Grundsatz bei der Herangehensweise? Ja, jeder Eigentümer sollte sich bewusst sein, dass eine eigene Energieversorgung auf dem Grundstück durch Energie aus der Erde oder PV-Systeme auf dem Dach einen hohen Wert hat. Meine Energie zu erzeugen ist am Ende meine Verantwortung und schafft Unabhängigkeit. Aber wie gesagt: Es kann am Ende auch der Anschluss an eine nachbarschaftlich genutzte Energiequelle sein. Wir sollten auch stärker an gemeinsame Möglichkeiten einer autarken Energieversorgung denken, beispielsweise auch an die Möglichkeit genossenschaftlicher Strukturen. Gibt es bei Geothermie aus Ihrer Sicht einen Unterschied zwischen Wohn- und Gewerbebauten? Grundsätzlich – abgesehen von dem Energiebedarf – nein. Mein Tipp ist: Je größer das Gebäude ist, umso wichtiger ist die Prüfung aller Optionen, die eine fossilfreie Energieversorgung sicherstellen können.
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