Immobilienwirtschaft 6/2024

47 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Herr Younosi, in Ihrem Buch prangern Sie „Die große Potenzialverschwendung“ an. Wer verschwendet hier was? Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, dass wir allgemein und im Personalwesen im Besonderen große Schwierigkeiten mit dem Transfer von Evidenz in die Praxis haben. Die Unternehmen machen nach wie vor viele Dinge einfach deshalb, weil sie sie schon immer so gemacht haben, obwohl vieles davon vor Jahrzehnten entwickelt wurde, im Industriezeitalter. Wovon sprechen Sie? Wo soll ich anfangen? Ob es ums Talentmanagement geht oder ums Thema Kompensation, ob es um Performance Management geht – in so vielen Fällen denken zu wenige Menschen und Organisationen darüber nach, wie sie das, was die Wissenschaft schon lange herausgefunden hat und was Studien belegen, in der Praxis umsetzen. Im Ergebnis sehen wir viel zu viele Prozesse, die keinerlei Outcome haben, die ineffizient und ineffektiv sind und deswegen nicht die Resultate erzielen, die Organisationen sich von ihnen erhoffen. Was meinen Sie konkret? Nehmen wir das Beispiel Performance Management. Wissenschaftliche Untersuchungen haben schon lange gezeigt, dass beispielsweise das Forced Ranking, also die jährliche Einteilung der Mitarbeitenden in so genannte High Performer, Low Performer und eine große Mehrheit von Normal-Performern, nicht hilft, um Produktivität und Leistung der Menschen zu erhöhen. Trotzdem setzen viele Unternehmen darauf und manche, die in den vergangenen Jahren davon Abstand genommen haben, führen es wieder ein. Wir wissen, dass es nichts bringt, machen es aber trotzdem, denn irgendwie müssen wir auf die Herausforderungen reagieren. Das nenne ich Potenzialverschwendung. Wie können wir den Turnaround schaffen? Es ist in meinen Augen eher eine Frage der Haltung, der Art und Weise, wie wir auf die genannten Themen blicken. Wir müssten eine andere Perspektive einnehmen und mehr Dinge in Frage stellen, die wir tagtäglich tun. Und uns intensiver mit den Erkenntnissen aus der Wissenschaft beschäftigen. Damit eröffneten sich so viele Möglichkeiten, ohne dass Unternehmen zusätzliche Investitionen tätigen müssten. Schon kleine Schritte können einen Unterschied machen und enorme Synergien heben. Der Grundtenor Ihres Buches lautet: Die Menschen in HR müssen Interesse an den Mitarbeitenden haben, für die sie da sind, und offen für individuelle Antworten auf individuelle Fragen sein. Das kostet Zeit und Geld, gleichzeitig sind viele Personalabteilungen stark ausgelastet mit Verwaltungsaufgaben ... Das stimmt leider viel zu oft. Zuletzt hat das die HR Experience Studie 2024 von Haufe wieder gezeigt. Mitarbeitende nehmen HR häufig entweder gar nicht wahr oder nur dann, wenn irgendetwas an der Gehaltsabrechnung nicht stimmt oder wenn es Fragen zu Urlaub oder Elternzeit gibt. HR verbringt zu viel Zeit mit administrativen Prozessen und zu wenig im Austausch mit den Mitarbeitenden. Auch das ist eine massive Potenzialverschwendung auf allen Seiten. Digitalisierung allgemein und Künstliche Intelligenz im Besonderen sind hier eine erhebliche Hilfe, die diese administrative transaktionale Last reduziert. Und es HR so ermöglicht, sich mit den bestehenden Kapazitäten um die strategisch wichtigen Themen zu kümmern – Mitarbeiterentwicklung, die Passung, über die wir gesprochen haben, und Ähnliches – und auf diese Weise die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu stärken. Damit gewinnt HR dann auch die Aufmerksamkeit und positive Wahrnehmung nicht nur bei Führungskräften und Managern, sondern auch bei den Mitarbeitenden. CAWA YOUNOSI ist Bestsellerautor und ehemaliger Head of People Experience bei SAP. Er gilt als Vordenker für zukunftsorientierte HR-Strategien WEG MIT VERALTETEN PROZESSEN! Cawa Younosi, HR-Größe und Autor von „Die große Potenzialverschwendung“, fordert einen WANDEL IM PERSONALWESEN. Auch als Mittel gegen den Fachkräftemangel. I N T E R V I E W CAWA YOUNOSI TEXT Christoph Pause

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