Immobilienwirtschaft 6/2024

46 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Schwerpunkt Fachkräftemangel Wochen, sondern Monate oder gar Jahre warten muss. Ein weiterer Benefit abseits des Gehalts betrifft die Weiterbildung. Sie ist hierzulande – branchenübergreifend – für die Mehrheit der Unternehmen ein sehr wichtiges, ja sogar überragendes Thema. Das zeigt unter anderem die „TÜV Weiterbildungsstudie 2024“. Diese zeigt aber auch: Die Baubranche hinkt hinterher – dort erachtet nur gut ein Drittel der Unternehmen das Thema als sehr wichtig. Ich beobachte auch in weiteren Segmenten der Immobilienwirtschaft über die reine Bauwirtschaft hinaus, dass die Weiterbildung derzeit keinen überragenden Stellenwert als Benefit hat. WEITERBILDUNG ALS BENEFIT Das war einmal anders: Das Europäische Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) zeigt in seinem „Human Resources Monitor Immobilienwirtschaft 2023“, dass die Weiterbildung in der Immobilienwirtschaft noch vor wenigen Jahren als Thema so wichtig war wie heute der Klimaschutz und die energetische Sanierung. Das ist doch paradox: Meiner Meinung nach geht das eine ohne das andere nicht. Zählen nicht viele der wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Branche, in denen man sich ständig weiterbilden muss, direkt oder indirekt zum Klimaschutz? Beispiele sind die Gebäudetechnik- oder Sanierungskompetenz. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus diesem Jahr, die sich mit der Transformation der Bau- und Immobilienbranche beschäftigt, nennt diese Kompetenzen als entscheidend für die Zukunft. UNTERNEHMEN BEMÄNGELN FEHLENDE KOMPETENZEN Nur fehlen Bewerberinnen und Bewerbern diese und weitere Fachkompetenzen, die sie für ihre jeweilige Tätigkeit benötigen, augenscheinlich zu oft (und zwar in 51 Prozent der Fälle). Das zeigt die EBZ in der oben genannten Studie. Es dürfte also immer häufiger vorkommen, dass neue Kollegen zum Zeitpunkt der Einstellung nicht alle erforderlichen Kompetenzen mitbringen – eine Lösung ist dann eben die Weiterbildung, sofern die Kandidatinnen und Kandidaten die Lust und die Fähigkeit mitbringen, die Kompetenzen nachträglich zu erlernen. WEITERBILDUNG BRAUCHT ZEIT Eine Hürde kann hier allerdings die Arbeitsbelastung sein: Die DIHK zeigt anhand einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr, dass erstaunlich viele Menschen – über alle Branchen betrachtet – zu wenig Zeit haben, sich weiterzubilden. Das Problem tritt doppelt so oft auf wie fehlende finanzielle Mittel für die entsprechenden Maßnahmen. Insbesondere die Bauwirtschaft ist hier betroffen – das Arbeitspensum hindert die Menschen viermal so oft daran, in die Weiterbildung zu gehen, wie zum Beispiel in der Versicherungswirtschaft oder bei Banken. Tatsächlich sieht es mit Blick auf das Geld aber in der Immobilienwirtschaft auch nicht immer gut aus. Jedes zweite Immobilienunternehmen gibt der EBZ zufolge nur bis zu 750 Euro pro Mitarbeiter aus. Die Studie bemängelt entsprechend einen fehlenden Ruck, da die Budgets für Weiterbildungen nur leicht ansteigen würden. UNTERNEHMEN MÜSSEN MEHR GELD BEREITSTELLEN Nicht zu unterschätzen ist der Effekt, den Weiterbildungsmöglichkeiten auf die bereits erwähnte Mitarbeiterbindung haben. Eine Studie von Bitkom zeigt: Weiterbildung ist hier ein zentraler Hebel, denn ganze neun von zehn Berufstätigen halten sie für wichtig. Eine weitere Studie – Verfasser ist das Softwareunternehmen Capterra – kommt zu dem Ergebnis, dass Weiterbildung branchenübergreifend fast genauso viel zum Wohlbefinden beiträgt wie flexibles Arbeiten. Und was heißt das konkret für die Immobilienwirtschaft? Tatsächlich höre ich beide Themen in Bewerbungsgesprächen bei uns etwa gleich häufig. Ich führe dann entsprechend aus, dass Weiterbildung bei uns individuell geregelt wird, also jeder seine eigenen Potenziale identifizieren darf, die sie oder er heben will. Dass wir überwiegend externe Anbieter nutzen wie beispielsweise Haufe, Teamplan oder die IHK Berlin. Wir setzen keine Kostengrenze, solange Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen. Hinzu kommen Basisweiterbildungen, die sich grundsätzlich an alle Kollegen richten – da geht es beispielsweise um eine optimale Handhabung von Word oder Excel. Der Schwerpunkt auf der individuellen Weiterbildung spricht übrigens Menschen mit einem agilen Mindset an – also Menschen, die aktiv an sich arbeiten möchten. FAZIT: MEHR TUN Ob es sich nun um das BGM oder um Weiterbildungsangebote handelt – um sich vom Wettbewerb abzuheben, muss man über die Themen hinausgehen, die heutzutage ohnehin jeder erwartet. Wer sich als Arbeitgeber also allein auf die räumliche und zeitliche Flexibilisierung der Arbeit verlässt oder die üblichen Angebote zur Stressbewältigung anbietet, der denkt zu kurz. Nicht falsch verstehen: Gleitzeit, Homeoffice und Co. sind gute und wichtige Maßnahmen, die ich auch persönlich schätze und nutze. Das volle Potenzial – und die genannten Untersuchungen zeigen, wie groß das Potenzial ist – wird sich aber nur dann entfalten, wenn man als Arbeitgeber für seine Beschäftigten die Benefit-Extrameile läuft. DIE WEITERBILDUNG IN DER IMMOBILIENWIRTSCHAFT HAT NICHT MEHR DIE GLEICHE BEDEUTUNG WIE FRÜHER. 89 Prozent der Arbeitnehmer in der Immobilienwirtschaft fühlen sich laut BGM-Branchenvergleich 2022 durch gesundheitsbezogene Zusatzleistungen wertgeschätzt.

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