Immobilienwirtschaft 6/2024

39 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Herr Grams, die Immobilienbranche hat viel Aufholbedarf in Sachen Digitalisierung. Doch es fehlen immer mehr IT-Fachkräfte, weil die Branche als unsexy gilt. Gibt es einen Weg aus dem Dilemma? Ich kann aus meiner Erfahrung sprechen, der Fachkräftemangel ist definitiv real, branchenübergreifend und lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Dennoch kann man kreative Lösungen finden, denn die IT ist inzwischen weit mehr als nur ein Kostenfaktor und eine Notwendigkeit: Sie kann auch ein Alleinstellungsmerkmal sein. Und genau an diesem Punkt wird ein Unternehmen für Bewerberinnen und Bewerber interessant. Es gibt also für die Immobilienbranche Hoffnung? Natürlich (lacht). Wichtig ist es zu verstehen, dass es „den ITler“ nicht gibt. Hier gilt es zu differenzieren. Können Sie das näher ausführen? Der Glamour-Fraktion ist das Image des Unternehmens wichtig. Sie wollen Google, Microsoft und Co in ihren Lebensläufen sehen oder prestigeträchtige Unternehmensnamen, auch wenn die Bezahlung nicht die beste ist und die Technik dahinter altbacken. Für die Gen Z ist der Coolness-Faktor eines Unternehmens besonders wichtig im Hinblick auf ihre SocialMedia-Aktivitäten. Für leidenschaftliche Techies dagegen sind die sich bietenden technischen Möglichkeiten im Unternehmen entscheidend. Sie arbeiten dann auch gerne für völlig unbekannte Unternehmen oder Start-ups in einer frühen Phase. Erfolgsmenschen dagegen wollen schnell Karriere machen und möglichst viel Geld verdienen. Zunehmend aber gibt es auch Bewerberinnen und Bewerber, denen eine Drei-Tage-Woche reicht, um noch Zeit für Hobbys oder ehrenamtliche Tätigkeiten zu haben. Dann mal los mit der Erhöhung des Coolness-Faktors. Was ist wichtig? Bei den Image-Orientierten wird es schwierig, denn die Wohnungswirtschaft hat eher ein langweiliges Image. Bei den Erfolgsorientierten zählen Gehalt und Benefits, hier können entsprechende Gratifikationen den Ausschlag geben. Die Techies könnte man mit der Disruption einer sehr großen Branche locken. Alte, verkrustete Strukturen auflösen und modernisieren klingt – richtig präsentiert – nach einer Challenge, die spannend werden könnte. Für die WorkLife-Balance-Fraktion zählen Rahmenbedingungen wie Flexibilität in der Arbeitszeit, Homeoffice oder Workation. Hier muss aber dann auch der Führungsstil angepasst werden, denn die DNA der Kontrollfreaks passt dann nicht mehr. Vielleicht noch ein Geheimtipp? Corporate Purpose! Die Immobilienbranche könnte viel stärker ihre soziale Karte ausspielen. Viele junge Menschen suchen nach einem Berufsfeld, das nicht nur finanziell attraktiv ist, sondern auch einen gesellschaftlichen oder ökologischen Impact hat. Die Immobilienbranche wird oft als gewinnorientiert und wenig nachhaltig wahrgenommen, da der Fokus auf Investitionen und Renditen liegt. Darauf könnte man gut aufsetzen, da nachhaltiges Bauen und smarte Städte an Bedeutung gewinnen und es zunehmend sichtbare Projekte gibt, die das Bedürfnis nach „Purpose“ im Job bedienen. Man könnte nach dem Motto werben: „Viel zu schwierig, eine Wohnung zu finden? Muss nicht sein! Lass uns gemeinsam daran arbeiten, dass es besser wird!“ Unsexy kann also durchaus auch anziehend sein. LUKAS GRAMS ist an der IU International University of Applied Sciences Information tätig „DIE SOZIALE KARTE VIEL MEHR AUSSPIELEN“ Lukas Grams, Cybersecurity Architect in einem EduTech-Unternehmen mit mehr als 100.000 Kunden in Deutschland, weiß genau, wie die Immobilienbranche junge ITler anlocken kann. I N T E R V I E W LUKAS GRAMS TEXT Beatrix Boutonnet

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