Immobilienwirtschaft 6/2024

27 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 sein. Im September fanden in Bad Aibling die Baukulturtage statt. In kurzweiligen Vorträgen erläuterten Florian Nagler, Thomas Auer, Elisabeth Endres und Amandus Samsøe Sattler ihre schönen und gelungenen Modellvorhaben zur Wärmewende. Die soll den Gebäudebestand in Deutschland bis 2045 klimaneutral machen. Ein sehr ehrgeiziges Vorhaben, bei dem enorme Ressourcen, viel Zeit und Lebensenergie eingesetzt, aber auch leicht verpulvert, fehlgeleitet und verschwendet werden können. Um aus diesen Modellvorhaben eine erfolgreiche nationale Reformbewegung zu machen, braucht es mehr als besonders begabte Einzelpersonen. Es sind die guten Strukturen, die Prozesskultur und gute Institutionen, die das möglich machen können. Wie Entscheidungen getroffen werden, wer und wie viele Personen dabei eingebunden sind und ob ausreichend Sachverstand involviert ist, entscheidet auf allen Ebenen über Erfolg oder Misserfolg. Das beginnt bereits bei der Besetzung wichtiger Positionen. Ist es die Bürgermeisterin, die sich für ihre Freundin als neue Baudirektorin entscheidet? Oder der Bundeskanzler für seine loyale, aber unerfahrene Parteifreundin als Bauministerin? Weil solche Positionen wirkmächtiger sind als so manch andere Politiker, sollten Städte den Ehrgeiz haben, wie ein Bundesligaverein bei der Trainersuche, den besten Kandidaten für sich zu gewinnen. Ein sorgfältiges Auswahlverfahren könnte durchaus angemessen sein. Ich halte es für sinnvoll, zunächst eine kompetente Kommission einzusetzen, die potenzielle Personen vorschlägt, und eine weitere Kommission, die die Auswahl trifft. Ich habe mehrfach erlebt, wie erfolgreich das im Kunstkontext bei der Auswahl von Kuratoren gewesen ist. Um schneller und handlungsfähiger zu werden, müssen die öffentlichen Institutionen wie Stadtplanung, Bauaufsicht und Verkehrsplanung kompetenter und entscheidungsfreudiger aufgestellt werden. Dafür müssen attraktivere Positionen geschaffen werden, die auch Führungspersönlichkeiten ansprechen. Denn kaum ein schlauer und tatkräftiger Kopf möchte zwischen fest geschmiedeten Hierarchien stecken bleiben. Die größeren Städte haben zumeist Stadtbauräte, die sich Beiräte aussuchen, Werkstätten veranstalten und Entscheidungsprozesse fachlich gut begleiten. Die meisten Kommunen haben diese Strukturen aber nicht. In den Ämtern fehlt dann die Bauherrenkompetenz und das baukulturelle Wissen. Vielfach sind die wenigen Stellen von Parteifreunden besetzt. Dann purzeln in den Prozessen die unterschiedlichen Planungsschritte durcheinander, Prioritäten werden falsch gesetzt und diverse Kompetenzen rangeln ohne Führung durcheinander. Und beim Wähler entsteht der Eindruck, die quatschen nur, beschäftigen sich miteinander und gehen die fundamentalen Probleme nicht an. Sie wählen dann eine andere Regierung, die erneut die Hoffnungen enttäuscht und mit noch größerer Verzweiflung wieder abgewählt wird. Kaum einer erkennt, dass es die Strukturen und Prozesse sind, die auf so vielen Ebenen nicht mehr funktionieren. Die müssen reformiert werden. „ES SIND DIE STRUKTUREN UND PROZESSE, DIE IN OFT UNTERSCHÄTZTER WEISE UNSER DENKEN UND HANDELN PRÄGEN. DABEI ENTSCHEIDEN SIE ÜBER ERFOLG ODER MISSERFOLG.“ Eike Becker, Architekt EIKE BECKER leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_ Architekten in Berlin. Internationale Projekte und Preise be- stätigen seitdem den Rang unter den erfolgreichen Architekturbüros in Europa.

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