17 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Reportage tive Partei vermehrt als Hüterin der Landschaft in Szene. Gerade im gut betuchten Speckgürtel rund um die Metropolen haben die Konservativen oft die Mehrheit. Dementsprechend heftig fällt dort aktuell der Gegenwind aus. Komplett verhindern werden sich neue Bauprojekte aber nicht lassen, denn die Regierung hat verbindliche Ziele festgelegt: Jeder Landkreis muss pro Jahr eine bestimmte Anzahl von Wohnungen schaffen. Wie und wo sie diese Vorgaben umsetzen, ist den Landkreisen selbst überlassen. Verfehlen sie aber die Ziele, drohen empfindliche Strafen. Auch sonst schauen die Behörden inzwischen genauer hin. Die nordenglische Stadt Liverpool verlangt eine Sondersteuer von bis zu 300 Prozent, wenn Immobilienbesitzer ihre Häuser über einen längeren Zeitraum leer stehen lassen. STRENGE GREEN-BELT-REGELN Im Green Belt selbst ist derweil noch nicht viel von der angekündigten Bauoffensive zu spüren. „Bei uns tut sich bisher nichts“, erzählt Bee Willis. Zusammen mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Hund ist die 50-jährige Unternehmensberaterin vor zwei Jahren nach Plaxtol gezogen, ein Dorf 50 Kilometer südöstlich von London. In Plaxtol gibt es nicht viel: einen Tante-Emma-Laden, der zugleich als Postfiliale dient. Einen Pub, dem mangels Kundschaft die Schließung droht. Und eine alte Telefonzelle, die statt eines Münzsprechers einen Defibrillator beherbergt. Doch genau diese Abgeschiedenheit wollte die Familie. „Hier haben wir Platz für unsere Pferde, können überall zu Fuß hingehen und müssen keine Angst vor Kriminalität haben.“ könnte schon in wenigen Jahren eine komplett neue Vorstadt entstehen. Auf Interviewanfragen antwortet der Projektentwickler nicht, doch in Broschüren zeichnet er das Bild einer CO2-neutralen Siedlung, „umgeben von Parkanlagen, renaturierten Grünflächen [und] großflächigem Baumbestand“. Ob Supermarkt, „Waldschule“ oder Fahrrad-Verleih: Alles soll in maximal 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein. Dank eines nahe gelegenen Bahnhofs und eines Park-and-ride-Parkplatzes müsse zudem niemand mit dem Auto nach London fahren, versprechen die Entwickler. Umgekehrt soll das Städtchen offenbar auch für Gäste von außerhalb attraktiv werden, denn die Pläne beinhalten ein Hotel mit 150 bis 200 Betten. „Genau solche Projekte brauchen wir“, findet Ufuk Bahar, ein Londoner Architekt, der das Bauen im Umland vorantreiben will. Er hat dazu eigens ein Buch veröffentlicht: „Green Light to Green Belt Developments“ – grünes Licht für Entwicklungen im Grüngürtel. „Es geht nicht darum, die Landschaft umzugraben und mit Hochhäusern zu ersetzen“, betont Bahar, „sondern nachhaltige Entwicklungen im Grey Belt zu priorisieren. Es gibt so viele gute Flächen in bester Lage, die reif für eine Bebauung sind.“ SONDERSTEUER FÜR LEERSTAND Aber kommt es auch so weit? Noch hängen die Pläne in diversen Gremien fest. Stadtverwaltungen, Landräte und lokale Politikerinnen und Politiker ringen darum, die richtige Balance zwischen Naturschutz und Wohnraum-Entwicklung zu finden. Zumal auch taktische Überlegungen eine Rolle spielen. Seit Labour an der Macht ist, setzt sich die konserva1 WOHNUNGEN STATT GOLF Vince Robson kämpft gegen die Umwidmung eines alten Golfplatzes in Bauland 2 GESUCHTES IDYLL Bee Willis ist mit ihrer Familie extra in den Green Belt gezogen, um dort Ruhe und Entspannung zu finden 3 AUF ENGEM RAUM Schon heute wird es auf den kleinen Sträßchen im Londoner Green Belt oft eng. Neue Bewohner könnten die Verkehrssituation verschärfen 3
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