14 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Reportage restaurierten Telefonzellen. „Dass man überhaupt darüber nachdenkt, diese Gegend zu bebauen, ist ein Unding“, echauffiert sich Robson. „Hier gibt es wilde Orchideen, Feldlerchen und so schmale Wege, dass man selbst zu Fuß kaum vorankommt. Wie sollen hier 2.500 Häuser entstehen?“ Es ist eine Frage, die in diesen Tagen ganz Großbritannien umzutreiben scheint. Ähnlich wie in Deutschland fehlt es auch jenseits des Ärmelkanals dringend an bezahlbaren Wohnungen. Zuletzt wurden pro Jahr 234.000 neue Einheiten gebaut – die neue Labour-Regierung möchte diese Zahl auf 370.000 erhöhen. Um das zu erreichen, schlägt Bauministerin Angela Rayner einen Weg ein, der lange Zeit undenkbar gewesen wäre: Die streng geschützten Grüngürtel, die viele britische Großstädte umschließen, sollen bebaut werden. Die so genannten „Green Belts“ entstanden in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Aufgabe: Naherholungsräume schaffen und die unkontrollierbare Ausbreitung von Metropolen stoppen. Dass nun ausgerechnet dort die Baukräne anrücken sollen, empfinden Umweltschützer wie Vince Robson als blanken Hohn. Sie schreiben Petitionen, organisieren Protestmärsche und machen ihrem Ärger durch Plakate Luft. „Das Schlimmste ist, dass man wertvolles Land ohne vernünftigen Grund zerstört“, schimpft Robson. „Normale Leute werden sich diese Luxuswohnungen sowieso nicht leisten können.“ Stattdessen schaffe man nur noch mehr Pendler. „IRGENDWO MÜSSEN DIE LEUTE DOCH WOHNEN“ Doch auch die Befürworter führen gewichtige Argumente ins Feld. „Unsere Städte wachsen so stark, dass wir in den nächsten Jahren bis zu fünf Millionen neue Häuser brauchen“, sagt Brian Berry, Vorsitzender des Bauwirtschaftsverbands Federation of Master Builders. „Irgendwo“, sagt Berry, „müssen die Leute doch wohnen. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir von vornherein alles ausschließen.“ Auch er weiß, dass man mit der Bebauung von Grünflächen keine Beliebtheitsrekorde aufstellt, gerade in Zeiten des Artensterbens und der Klimakrise. „Wir wollen nicht einfach alles zubetonieren“, beteuEin enger, steiler Pfad führt einen Hügel hinauf. Der Weg ist matschig, links und rechts wuchern Hecken. „Irgendwo hier muss es sein“, sagt Vince Robson, während seine Wanderschuhe im Morast versinken. „Ich war hier schon oft, aber bei der dichten Vegetation verpasse ich gerne mal die Abzweigung.“ Dann endlich ein Bellen aus der Ferne: Robsons Schäferhündin Lola hat das Ziel entdeckt. „Aber Vorsicht!“, warnt Robson. „Wenn man da oben nicht den Kopf einzieht, wird man von einem Golfball getroffen.“ Vince Robson, 67 Jahre alt, graue zurückgekämmte Haare, war früher Projektmanager in einer Bank. Heute, als Pensionär und Gemeinderat, widmet er sich dem Umweltschutz. Oder wie er es ausdrückt: „Die Natur muss erhalten und die Spekulation gestoppt werden.“ NATUR ERHALTEN, SPEKULATION STOPPEN Der Golfplatz, über den er mit Schäferhündin Lola schlendert, liegt 30 Kilometer südlich von London. Am Horizont ragen die Hochhäuser des Geschäftsviertels Canary Wharf empor, in der Ferne ist das Rauschen von Autos zu hören. Rund um den Golfplatz hingegen dominiert eine geradezu ländliche Kulisse: Felder, Bäche, Dörfer mit Kirchturm und GREEN BELTS SOLLEN ZU GREY BELTS WERDEN Viele britische Großstädte werden von Grüngürteln umschlossen, in denen NEUBAUTEN VERBOTEN sind. Die Labour-Regierung will die Vorschriften jetzt lockern, um Wohnraum zu schaffen. Baufirmen jubeln, Umweltschützer sind entsetzt. TEXT & FOTOS Steve Przybilla R E P O R T A G E STÄDTISCHE GRÜNGÜRTEL
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==