REPORTAGE AUS UK Green zu Grey – Umstrittene Neubauten in City-Grüngürteln INVESTMENT IN EUROPA Immobilienpreise weit unter Verkehrs- wert eröffnen neue Chancen MAKLERMÄRKTE IM WANDEL Die Energiewende erfordert den Aufbau neuer Netzwerke IMMOBILIEN WIRTSCHAFT NEUE PERSPEKTIVEN BAUEN · 06 / 2024 BYTES DANCE DER KAMPF UM TECH-TALENTE Mat.-Nr. 06228-5269
„ES GIBT EIN PAAR GRÜNDE SICH ZU FREUEN, ABER NICHT JEDER, DER SICH FREUT, HAT – BEI LICHTE BETRACHTET – GRUND DAZU.“ Liebe Leserinnen, liebe Leser, gerade wenn es wegen Winterbeginn und Rahmenbedingungen früher dunkel wird, sollten wir uns an allem freuen, was geht. Eben las ich etwa, dass Batteriespeicher für Solaranlagen immer besser werden. Das kann man ja mal feiern! Wenn der Leidensdruck steigt, werden vermehrt Lösungen geboren. Die Immobilienwelt ist voll davon. Noch mehr Grund zur Freude: Der GdW feiert seinen 100. Geburtstag, Bestandshalter freuen sich an wieder steigenden Immobilienpreisen, am möglichen Auslaufen der Mietpreisbremse. Und natürlich freuen wir uns auf die neue Bundesregierung, mit der das eine oder andere besser werden sollte – vielleicht sogar die Zukunft. Natürlich, ganz klar, es gibt auch diese andere Seite, über die man sich laut beschweren kann. In die Zeit passt aber eher stille Trauer. Lasst uns fehlenden Wohnraum bedauern, die gefühlt immer leeren Fördertöpfe. Lasst uns trauern über das, was auf den Weg gebracht wurde, aber sicher nicht mehr verabschiedet wird, wie das zweite Zukunftsfinanzierungsgesetz, und über die eine oder andere tragische Projektentwicklerpleite. Die Bundesbauministerin freute sich auf der Expo Real gar sehr und laut. Über die Zahl der in diesem Jahr dann doch fertiggestellten Wohnungen. Ich dachte da so bei mir: Manchmal, in ganz bestimmten Fällen, mag es besser sein, seine Freude eher still, ja besinnlich zu zeigen. Aber damals war Weihnachten ja noch weit … Ich wünsche Ihnen und uns den nötigen Optimismus, ohne den wir es nicht schaffen werden. Und Frieden, nicht nur für Weihnachten Ihr Dirk Labusch Hier geht’s zur Immobilienwirtschaft digital 3 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Editorial
03 EDITORIAL 04 INHALT 08 KALEIDOSKOP 14 Menschen & Märkte 14 REPORTAGE AUS UK Green zu Grey – Umstrittene Neubauten in City-Grüngürteln 20 CAMPUS & YOUNG LEADERS Karriere-Boost, PropTech-Innovation, Balanceakt Digitalisierung, Awards, Finanzspritzen und mehr 26 KOLUMNE EIKE BECKER Strukturen und Prozesse 28 P0RTRAIT MIT BLUMEN Sylvia Pruß, Verwalterin und Agraringenieurin aus Strausberg, ist neue Präsidentin des VDIV 32 L'IMMO AKTUELL Ampelinitiativen; Kippmomente; Betriebsoptimierung; Transformation; 100 Jahre GdW und weitere Themen 47 INTERVIEW Cawa Younosi fordert einen Wandel im Personalwesen 48 PRACTICE MEETS CAMPUS In Holzminden treffen Studierende der HAWK auf Unternehmen 52 KI IM HR Im Personalwesen steckt der Einsatz Künstlicher Intelligenz noch in den Kinderschuhen 56 INFOGRAFIK Die deutsche Förderlandschaft für Photovoltaik 34 Schwerpunkt Fachkräftemangel 34 NERD ZERO Keine Zukunft ohne Techies. Wie die Immobilienbranche mit anderen Wirtschaftsbereichen mithalten kann 40 CORPORATE INFLUENCER Social Media revolutionieren das Recruiting 44 MITARBEITERBINDUNG Gezielte Maßnahmen: Warum es sich lohnt, die Extrameile zu gehen S C H W E R P U N K T FACHKRÄFTEMANGEL 34 4 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Inhalt Ausgabe 06/2024
58 Investment & Finanzierung 58 UNTER VERKEHRSWERT Immobilienpreise unter Druck eröffnen in Europa neue Chancen 62 IMMOBILIEN-AGS Zinssenkungen sorgen für einen Frühling im Herbst 66 FACHMEDIENTIPPS Superblocks, Stadtimpulse, Solararchitektur, Metapolis, Lehmbaukultur und mehr 84 Nachhaltigkeit & Technologie 84 ENERGIE AUS DER ERDE Experten erkennen in Geothermie einen Gamechanger 88 INTERVIEW Prof. Thomas Giel, Hochschule Mainz, über Genehmigungshürden 90 DYNAMISCHE STROMTARIFE Alles wird anders 96 VORSCHAU 97 IMPRESSUM 98 CULTURE CLUB Nicolai Kuß, CSO von Techem, liebt die Kultur der „Eintracht“ 68 Verwaltung & Vermarktung 68 MIETPREISBREMSE Gut gemeint, doch schlecht gemacht: Im Endeffekt ist sie ein Instrument zur Wohnungsverknappung 74 MAKLERMÄRKTE Die Energiewende erfordert den Aufbau neuer Netzwerke 78 WEG-, MIET- & MAKLERRECHT Urteile des Monats: Obsiegender Eigentümer zahlt; Schadenersatz durch Untermieter; Gesamt- nichtigkeit 58 74 6 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Inhalt Ausgabe 06/2024
Kaleidoskop Meldungen 8 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 NEUE TRENDS RUND UM DIE WELT Die Europäische Kommission hat erstmals einen Kommissar für Wohnen berufen. Designiert für das Amt ist der dänische Sozialdemokrat Dan Jørgensen. Gleichzeitig wird er das Energieressort in der Kommission übernehmen und damit zwei für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zentrale und eng miteinander verflochtene Themenfelder bearbeiten. Dabei kann er für die Energie- und Klimaschutzpolitik auf Erfahrungen als ehemaliger Minister für Klima, Energie und Versorgung zurückgreifen. Die neue Rolle als Kommissar für Wohnen und Energie umfasst wichtige Aufgaben, darunter die Entwicklung eines Plans für bezahlbaren Wohnraum in der EU, die Förderung der Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energien sowie die finanzielle Unterstützung des Baus von Sozialwohnungen. Die Verantwortung reicht von Investitionen über Bauwesen bis hin zu Regelungen für kurzfristige Vermietungen. Jørgensens Mission basiert auf den von Präsidentin von der Leyen festgelegten „Mission Letters“, die Ziele wie Klimaneutralität bis 2050, die Reduzierung der Bürokratie und die Förderung Dan Jørgensen Erster EU-Kommissar für Wohnen und Energie tritt an TEXT Dr. René Peter Hohmann, Leiter des EUBüros in Brüssel des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. EU-Energie- und Gebäuderichtlinien maßgeblich beeinflussen, mit einem Schwerpunkt auf den sozialen und wirtschaftlichen Aspekten der Energiewende. Für die Branche bleibt zu hoffen, dass durch die Verbindung von Energie und Wohnen die aus Brüssel kommenden Hürden bzw. Zielkonflikte für bezahlbaren Wohnraum abgebaut werden: Dies betrifft insbesondere die Überbetonung energetischer Effizienzstandards in der EU-Gebäuderichtlinie, die Neubau wie auch die Bestandssanierung enorm verteuern. Darüber hinaus muss auch das EU-Beihilferecht angepasst werden, um die Förderung zu erleichtern. Politiken für Wohnen und Klimaschutz müssen wieder im Einklang stehen mit dem wirtschaftlich Tragfähigen und sozial Verträglichen. einer evidenzbasierten Politik beinhalten. Der Schwerpunkt seiner Arbeit wird dabei auf dem Energiebereich liegen, darunter Initiativen zur Vollendung der Energieunion, zur Senkung der Energiepreise, für saubere Energie und zum Ausbau der Netzinfrastruktur. Unter den zentralen wohnungspolitischen Aufgaben für Jørgensen sind die Entwicklung einer europäischen Wohnungsstrategie als Teil des Plans für bezahlbaren Wohnraum, die Schaffung einer Investitionsplattform für nachhaltigen Wohnraum und die Unterstützung der Mitgliedstaaten bei der Verdopplung der Investitionen in erschwingliches Wohnen. Auch staatliche Beihilfen sollen auf EU-Ebene reformiert werden, um die Förderung energieeffizienter und sozialer Wohnprojekte zu erleichtern. Der für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft besonders relevante Energieaspekt seiner Arbeit umfasst Pläne zur Dekarbonisierung, die Förderung erneuerbarer Energien und die Verbesserung der Energieeffizienz in Wohngebäuden. Unterstützt durch die Generaldirektion Energie und eine Task Force für Wohnungswesen wird Jørgensen die Umsetzung der
9 · Immobilienwirtschaft · 06/ 2024 Deutscher Nachhaltigkeitspreis für zwei deutsche Firmen In den Kategorien „Bauindustrie“ und „Baustoffe“ wurden zwei deutsche Firmen mit dem renommierten Deutschen Nachhaltig- keitspreis 2025 ausgezeichnet. Die Nokera AG, Produzent von Wohngebäuden in serieller Holzbauweise, erhält den Preis in der Kategorie „Bauindustrie“. Die Jury lobte Nokera als Unternehmen, das „besonders wirksame, beispielhafte Beiträge zur Transformation geleistet“ hat. Durch Digitalisierung, Standardisierung und eine hohe Eigenfertigungstiefe schaffe es Nokera, hochwertige und klimaneutrale Häuser in kurzer Zeit zu bauen, die zudem die Bedingungen für geförderten Wohnraum erfüllen (auf dem Foto ein Projekt aus Mannheims neuem Stadtteil Franklin) aus. Das 2021 gegründete Unternehmen betreibt nahe Magdeburg die weltweit größte Fabrik zur Produktion von Wohngebäuden in serieller Holzbauweise. Madaster, das Materialkataster zur Förderung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen, wurde mit dem Preis in der Kategorie „Produkte“ für den Gebäuderessourcenpass ausgezeichnet, ein wegweisendes Tool zur Dokumentation und Optimierung der Ressourcennutzung in Gebäuden. Der Gebäuderessourcenpass von Madaster ermöglicht es Eigentümern und Investoren, die CO2-Emissionen sowie den Materialwert ihrer Bauwerke zu erfassen und transparent darzustellen. Madaster erhielt bereits 2024 in der Kategorie „Bauindustrie“ den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. 31 Die Heizkosten in Zwei- und Mehrfamilienhäusern sind im vergangenen Jahr nach einer Hochrechnung im Schnitt um gut 31 Prozent gestiegen. Dies geht aus dem diesjährigen Wärmemonitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor. Coworking-Branche vor Marktbereinigung Die Coworking-Branche blickt auf ein gemischtes Jahr zurück. Anlässlich des dritten Kongresses #zukunftcoworking in Köln kommentierte Tobias Kollewe, Präsident des Bundesverbandes Coworking Spaces Deutschland (BVCS), mit einem Zuwachs von 3,6 Prozent von 1.852 auf 1.918 Spaces könne man theoretisch zufrieden sein. Es zeige sich im aktuellen Jahr eine gemischte Entwicklung: Während in Ballungsräumen und Metropolen die Menge der Coworking Spaces sinkt, nehmen die Angebote im ländlichen und suburbanen Raum weiter zu. Allerdings mussten 2024 rund 200 Coworking Spaces in Deutschland aufgeben – darunter auch große Namen wie everyworks der Deutschen Bahn und die „work republic“-Gruppe. In der Zukunft rechnet Tobias Kollewe damit, dass in den nächsten fünf Jahren jedes zweite Coworking-Konzept verschwinden könnte. Diese Marktbereinigung ist nach seiner Ansicht aber auch wichtig, denn nur auf diese Weise könnten die Konzepte übrig bleiben, die nicht nur flexibel, sondern auch wirklich zukunftsfähig sind. Coworking sei längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein unverzichtbarer Teil der Arbeitswelt geworden.
Kaleidoskop Meldungen 10 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 „Wieder ein Award“, könnte man sagen. Aber damit täte man den Veranstaltern Unrecht. Es ist wichtig für Immobilienunternehmen, ihre Komfortzone zu verlassen, Ideen zu präsentieren. Das Event bietet ihnen eine Bühne. 600 Einreichungen zeigen: Die Bereitschaft, mitzumachen, war auch in diesem Jahr groß. Christian Lindner kam nicht. Das war schade, und seine Absage eine Stunde vor Beginn der Gala ist nicht gerade professionell. Aber die FDP hat im Moment andere Prioritäten. Und wer einen Spitzenpolitiker einlädt, muss immer damit rechnen, dass etwas dazwischenkommt. Zur Gala gekommen waren 500 Teilnehmer. Dem eher konservativen Rahmen stand die etwas schnodderige Moderation der Ikone Laura Wontorra gegenüber, die die Veranstaltung aufmischte, aber bisweilen über das Ziel hinausschoss. Was bleibt, sind interessante Teilnehmer mit wegweisenden Projekten und Ideen. Die Gewinner des Deutschen Immobilienpreises 2024 waren in den verschiedenen Kategorien • Makler des Jahres: moovin Immobilien GmbH • Verwalter des Jahres: ecowo GmbH • Green Project: PRIMUS developments GmbH • Newcomer des Jahres: Becatur Beratungsgesellschaft für nachhaltiges Bauen mbH • Best Brand: 26 HOMES GmbH • Branchen-Pionier: TRIQBRIQ AG • Local Hero: R.B. Makler GmbH • Haus der Herzen: Haus Cumulus 770 von Heinz von Heiden GmbH Massivhäuser • Persönlichkeit des Jahres: Jürgen Michael Schick Ob die Kategorie „Haus der Herzen“, in der per Online-Voting das beliebteste Einfamilienhaus honoriert wurde, zukunftsweisend ist, bleibt abzuwarten. Stark demgegenüber: die Kategorie „Newcomer des Jahres“, in der ein aufstrebendes Unternehmen honoriert wird, das mit seinem Engagement in kürzester Zeit einen bleibenden Eindruck in der Branche hinterlassen hat. Das Gleiche gilt für die Kategorie „Branchenpionier“, die Unternehmen der Immobilienwirtschaft mit neuen Konzepten und Produkten honorieren will. Besonders innovativ: die Kategorie „Local Hero“, die die Verbundenheit eines kleineren Unternehmens mit seiner Region honoriert. Hier können sich Unternehmen bewerben, die lokale Aktivitäten unterstützen, etwa einen Fußballverein oder die sich durch soziales Engagement hervortun. Diese Rubrik zeigt, dass Immobilienunternehmen Teile der Gesellschaft sind, und nicht etwa außen stehen (Red.) 1 2 WESTHAFEN Eine grandiose Location trifft auf ein wohlwollend interessiertes Publikum 1 2 Deutscher Immobilienpreis 2024 vergeben
Kaleidoskop Meldungen 12 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Was für eine Verwandlung die Stadt Bilbao innerhalb von 30 Jahren erfahren hat: von einer Industriebrache in eine erblühte Stadt. Sie war Tagungsort des diesjährigen RICS Built Environment European Summit (BEES), der nach Venedig im letzten Jahr nun zum zweiten Mal stattgefunden hat. Ein Highlight der Veranstaltung war das Galadinner im Guggenheim Museum, das von Frank O. Gehry erbaut wurde und namensgebend für den so genannten Bilbao-Effekt steht, der besagt, dass Städte und Kommunen von besonderen Architektur-Perlen insgesamt profitieren. EINE PERFEKTE FLÄCHE FÜR DEN SUMMIT Und davon gibt es viele in Bilbao. Sie sind Anziehungspunkte für rund eine Million Touristen pro Jahr und damit ein enormer Wirtschaftsfaktor. Das neueste Projekt „Island of Bilbao“ soll Raum für Wohnen und Wissenschaft bieten und konnte im Rahmen der Konferenz besichtigt werden. Diese fand im ehemaligen innerstädtischen Lagergebäude „Azkuna Zentroa“ statt, das jetzt als Kulturzentrum dient, gestaltet von Philippe Starck. Zusammen mit 120 Kunsthandwerkern erweckte er den Bau, der rund vier Jahrzehnte schlummerte, wieder zum Leben. Er bot die perfekte Fläche für den Summit, der sich unter anderem mit innovativen Lösungen zur urbanen Dekarbonisierung, aber auch mit „Nature-Based Solutions“ auseinandersetzte. Neuer Trend: Naturbasierte Lösungen Der RICS Built Environment European Summit (BEES) in Bilbao und was wir von der Stadt lernen können TEXT Susanne Eickermann-Riepe FRICS, Vorsitzende des RICS European World Regional Board (EWRB) und Mitglied im World Board (WRB) der RICS Das New European Bauhaus (NEB) hat es gut zusammengefasst: „Beautiful. Sustainable. Together.“ Die Aufwertung durch gelungene Architektur, die gleichzeitige urbane Dekarbonisierung, der Aufbau neuer Ökosysteme und die Nutzung naturbasierter Lösungen sind Teil eines Masterplans, der die Herausforderung der Umgestaltung der Gebäude und Stadtlandschaften zur Schaffung widerstandsfähigerer Städte zusammenfasst. NEUE GUIDELINES DES NEB Naturbasierte Lösungen sind dabei ein wichtiger Bestandteil und längst Teil der EU-Aktivität. Wir müssen erkennen, dass der Schutz der Ökosysteme eine wichtige Grundlage für viele andere Ziele schafft. Von der Biodiversitätsstrategie über die neuen Guidelines des NEB bis hin zum Nature Restoration Law beschäftigen sich diese Aktivitäten beispielsweise mit der Begrünung der Städte, der Verbindung von Biodiversitätskorridoren, dem Wassermanagement und natürlich der Eindämmung des Klimawandels. Es besteht ein großes Interesse der Städte, voneinander zu lernen, wie es zum Beispiel das globale Netzwerk C40 ermöglicht, das die Optionen zur Erstellung eines widerstandsfähigen, inklusiven und klimafreundlichen Action Plans teilt. Viele Stakeholder wie Investoren, Developer und Nutzer suchen nach Möglichkeiten, diese zu fördern und damit den Wert eines Gebäudes, eines Quartiers oder auch einer Stadt zu steigern und die Widerstandsfähigkeit gegenüber extremen Wetterereignissen zu verbessern. Die Diskussionen im Rahmen des BEES haben gezeigt, wir stehen noch am Anfang der Integration von Überlegungen zu naturbasierten Lösungen, aber es gibt sie und sie machen Gebäude und Quartiere resilient. Wir brauchen mehr davon. 1 DER RICS BEES fand im ehemaligen innerstädtischen Lagergebäude „Azkuna Zentroa“ statt 2 STILVOLLER RAHMEN Das Guggenheim Museum bot einen stilvollen Rahmen für das Galadinner
13 · Immobilienwirtschaft · 06/ 2024 Illustration: Thomas Plaßmann PLASSMANNS BAUSTELLE
14 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Reportage restaurierten Telefonzellen. „Dass man überhaupt darüber nachdenkt, diese Gegend zu bebauen, ist ein Unding“, echauffiert sich Robson. „Hier gibt es wilde Orchideen, Feldlerchen und so schmale Wege, dass man selbst zu Fuß kaum vorankommt. Wie sollen hier 2.500 Häuser entstehen?“ Es ist eine Frage, die in diesen Tagen ganz Großbritannien umzutreiben scheint. Ähnlich wie in Deutschland fehlt es auch jenseits des Ärmelkanals dringend an bezahlbaren Wohnungen. Zuletzt wurden pro Jahr 234.000 neue Einheiten gebaut – die neue Labour-Regierung möchte diese Zahl auf 370.000 erhöhen. Um das zu erreichen, schlägt Bauministerin Angela Rayner einen Weg ein, der lange Zeit undenkbar gewesen wäre: Die streng geschützten Grüngürtel, die viele britische Großstädte umschließen, sollen bebaut werden. Die so genannten „Green Belts“ entstanden in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Aufgabe: Naherholungsräume schaffen und die unkontrollierbare Ausbreitung von Metropolen stoppen. Dass nun ausgerechnet dort die Baukräne anrücken sollen, empfinden Umweltschützer wie Vince Robson als blanken Hohn. Sie schreiben Petitionen, organisieren Protestmärsche und machen ihrem Ärger durch Plakate Luft. „Das Schlimmste ist, dass man wertvolles Land ohne vernünftigen Grund zerstört“, schimpft Robson. „Normale Leute werden sich diese Luxuswohnungen sowieso nicht leisten können.“ Stattdessen schaffe man nur noch mehr Pendler. „IRGENDWO MÜSSEN DIE LEUTE DOCH WOHNEN“ Doch auch die Befürworter führen gewichtige Argumente ins Feld. „Unsere Städte wachsen so stark, dass wir in den nächsten Jahren bis zu fünf Millionen neue Häuser brauchen“, sagt Brian Berry, Vorsitzender des Bauwirtschaftsverbands Federation of Master Builders. „Irgendwo“, sagt Berry, „müssen die Leute doch wohnen. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir von vornherein alles ausschließen.“ Auch er weiß, dass man mit der Bebauung von Grünflächen keine Beliebtheitsrekorde aufstellt, gerade in Zeiten des Artensterbens und der Klimakrise. „Wir wollen nicht einfach alles zubetonieren“, beteuEin enger, steiler Pfad führt einen Hügel hinauf. Der Weg ist matschig, links und rechts wuchern Hecken. „Irgendwo hier muss es sein“, sagt Vince Robson, während seine Wanderschuhe im Morast versinken. „Ich war hier schon oft, aber bei der dichten Vegetation verpasse ich gerne mal die Abzweigung.“ Dann endlich ein Bellen aus der Ferne: Robsons Schäferhündin Lola hat das Ziel entdeckt. „Aber Vorsicht!“, warnt Robson. „Wenn man da oben nicht den Kopf einzieht, wird man von einem Golfball getroffen.“ Vince Robson, 67 Jahre alt, graue zurückgekämmte Haare, war früher Projektmanager in einer Bank. Heute, als Pensionär und Gemeinderat, widmet er sich dem Umweltschutz. Oder wie er es ausdrückt: „Die Natur muss erhalten und die Spekulation gestoppt werden.“ NATUR ERHALTEN, SPEKULATION STOPPEN Der Golfplatz, über den er mit Schäferhündin Lola schlendert, liegt 30 Kilometer südlich von London. Am Horizont ragen die Hochhäuser des Geschäftsviertels Canary Wharf empor, in der Ferne ist das Rauschen von Autos zu hören. Rund um den Golfplatz hingegen dominiert eine geradezu ländliche Kulisse: Felder, Bäche, Dörfer mit Kirchturm und GREEN BELTS SOLLEN ZU GREY BELTS WERDEN Viele britische Großstädte werden von Grüngürteln umschlossen, in denen NEUBAUTEN VERBOTEN sind. Die Labour-Regierung will die Vorschriften jetzt lockern, um Wohnraum zu schaffen. Baufirmen jubeln, Umweltschützer sind entsetzt. TEXT & FOTOS Steve Przybilla R E P O R T A G E STÄDTISCHE GRÜNGÜRTEL
15 · Immobilienwirtschaft · 00 / 2023 1 ABSEITS DER STADT Obwohl der Green Belt nur wenige Kilometer von London entfernt ist, ticken die Uhren dort anders
16 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 ert der Lobbyist. Stattdessen gehe es darum, ohnehin vorhandene Industriebrachen zu nutzen. „Anders als viele denken, ist der Green Belt längst nicht überall grün“, sagt Berry. Ob alte Tankstellen, leerstehende Fabriken oder verlassene Krankenhäuser: Es gebe genügend Flächen, die ohnehin versiegelt seien. Die Labour-Regierung hat sich für solche Gebiete sogar einen eigenen Begriff ausgedacht: „Grey Belt“, den so genannten Graugürtel. Ob diese Brachflächen aber wirklich vorrangig genutzt werden, ist fraglich. Zum einen gibt es keine klare Definition, was genau als Grey Belt zählt. Zum anderen entstehen oft deutlich höhere Kosten, wenn bereits bebaute, womöglich kontaminierte Flächen erst noch abgerissen oder saniert werden müssen. Gibt es ein Beispiel, wo genau das schon geschieht? „Mir fällt gerade keines ein“, gesteht Bau-Lobbyist Brian Berry. „Aber das heißt ja nicht, dass es das nicht gibt.“ VORSTADT STATT GOLFPLATZ Der Golfplatz südlich von London könnte – mit gutem Willen – ebenfalls dem Grey Belt zugeordnet werden. Zwar ist der Rasen grün statt grau. Doch das 144 Hektar große Areal wurde in den 1990er Jahren mithilfe von Londoner Bauschutt errichtet. Wo heute noch Golfbälle durch die Gegend fliegen, „DAS SCHLIMMSTE IST, DASS MAN WERTVOLLES LAND OHNE VERNÜNFTIGEN GRUND ZERSTÖRT. NORMALE LEUTE WERDEN SICH DIESE LUXUSWOHNUNGEN SOWIESO NICHT LEISTEN KÖNNEN.“ Vince Robson, Pensionär und Gemeinderat 1 2
17 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Reportage tive Partei vermehrt als Hüterin der Landschaft in Szene. Gerade im gut betuchten Speckgürtel rund um die Metropolen haben die Konservativen oft die Mehrheit. Dementsprechend heftig fällt dort aktuell der Gegenwind aus. Komplett verhindern werden sich neue Bauprojekte aber nicht lassen, denn die Regierung hat verbindliche Ziele festgelegt: Jeder Landkreis muss pro Jahr eine bestimmte Anzahl von Wohnungen schaffen. Wie und wo sie diese Vorgaben umsetzen, ist den Landkreisen selbst überlassen. Verfehlen sie aber die Ziele, drohen empfindliche Strafen. Auch sonst schauen die Behörden inzwischen genauer hin. Die nordenglische Stadt Liverpool verlangt eine Sondersteuer von bis zu 300 Prozent, wenn Immobilienbesitzer ihre Häuser über einen längeren Zeitraum leer stehen lassen. STRENGE GREEN-BELT-REGELN Im Green Belt selbst ist derweil noch nicht viel von der angekündigten Bauoffensive zu spüren. „Bei uns tut sich bisher nichts“, erzählt Bee Willis. Zusammen mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Hund ist die 50-jährige Unternehmensberaterin vor zwei Jahren nach Plaxtol gezogen, ein Dorf 50 Kilometer südöstlich von London. In Plaxtol gibt es nicht viel: einen Tante-Emma-Laden, der zugleich als Postfiliale dient. Einen Pub, dem mangels Kundschaft die Schließung droht. Und eine alte Telefonzelle, die statt eines Münzsprechers einen Defibrillator beherbergt. Doch genau diese Abgeschiedenheit wollte die Familie. „Hier haben wir Platz für unsere Pferde, können überall zu Fuß hingehen und müssen keine Angst vor Kriminalität haben.“ könnte schon in wenigen Jahren eine komplett neue Vorstadt entstehen. Auf Interviewanfragen antwortet der Projektentwickler nicht, doch in Broschüren zeichnet er das Bild einer CO2-neutralen Siedlung, „umgeben von Parkanlagen, renaturierten Grünflächen [und] großflächigem Baumbestand“. Ob Supermarkt, „Waldschule“ oder Fahrrad-Verleih: Alles soll in maximal 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein. Dank eines nahe gelegenen Bahnhofs und eines Park-and-ride-Parkplatzes müsse zudem niemand mit dem Auto nach London fahren, versprechen die Entwickler. Umgekehrt soll das Städtchen offenbar auch für Gäste von außerhalb attraktiv werden, denn die Pläne beinhalten ein Hotel mit 150 bis 200 Betten. „Genau solche Projekte brauchen wir“, findet Ufuk Bahar, ein Londoner Architekt, der das Bauen im Umland vorantreiben will. Er hat dazu eigens ein Buch veröffentlicht: „Green Light to Green Belt Developments“ – grünes Licht für Entwicklungen im Grüngürtel. „Es geht nicht darum, die Landschaft umzugraben und mit Hochhäusern zu ersetzen“, betont Bahar, „sondern nachhaltige Entwicklungen im Grey Belt zu priorisieren. Es gibt so viele gute Flächen in bester Lage, die reif für eine Bebauung sind.“ SONDERSTEUER FÜR LEERSTAND Aber kommt es auch so weit? Noch hängen die Pläne in diversen Gremien fest. Stadtverwaltungen, Landräte und lokale Politikerinnen und Politiker ringen darum, die richtige Balance zwischen Naturschutz und Wohnraum-Entwicklung zu finden. Zumal auch taktische Überlegungen eine Rolle spielen. Seit Labour an der Macht ist, setzt sich die konserva1 WOHNUNGEN STATT GOLF Vince Robson kämpft gegen die Umwidmung eines alten Golfplatzes in Bauland 2 GESUCHTES IDYLL Bee Willis ist mit ihrer Familie extra in den Green Belt gezogen, um dort Ruhe und Entspannung zu finden 3 AUF ENGEM RAUM Schon heute wird es auf den kleinen Sträßchen im Londoner Green Belt oft eng. Neue Bewohner könnten die Verkehrssituation verschärfen 3
18 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Reportage Sorgen bereiten ihnen hingegen andere Dinge: Was, wenn der Fuchs mal wieder die Hühner holt? Wenn die Hundewiese nebenan bebaut wird? Oder die Mini-Sträßchen verbreitert werden, damit mehr Verkehr ins Umland kommt? „Wir haben viel Geld bezahlt, um hier unsere Ruhe zu haben“, sagt Willis. „Niemand von uns will neben einem Hochhaus wohnen.“ Doch auch sie profitieren von der idyllischen Lage, vermieten ihr renoviertes Cottage per Airbnb. Gerne würden sie den benachbarten Stall zu einem bewohnbaren Haus umbauen und den Garten verbreitern. Doch da machen ihnen die strengen Green-Belt-Regeln einen Strich durch die Rechnung – noch. „Wenn man hier eine Etage aufstocken will, ist das fast unmöglich“, sagt Bee Willis. „Da müssen schon die Holzbalken in den alten Häusern komplett durchgefault sein, bevor die Behörden einen Umbau genehmigen.“ Manche Nachbarn tricksten regelrecht, um Bauvorhaben auf ihrem eigenen Grundstück genehmigt zu bekommen. „Komplett gegen das Bauen sind wir nicht“, beteuert die Cottage-Besitzerin. Es müsse sich nur im Rahmen halten. So ist es am Ende eine Frage der Deutungshoheit, was im Green Belt passiert. Geht es wirklich nur um dringend benötigten Wohnraum? Oder auch um die Privilegien einiger Wohlhabender, die keine Menschenmassen in ihren sorgsam gepflegten Hinterhöfen wollen? Um sensible Ökosysteme? Um Geldmacherei? Um politische Spielchen? Womöglich steckt in allen Aspekten ein Funken Wahrheit, und genau das macht die Diskussion so kompliziert. BREXIT VERSCHÄRFT DIE PROBLEME Und dann wäre da noch die Umsetzung. Hunderttausende neuer Wohnungen zu bauen stellt die Branche vor enorme Herausforderungen, ganz gleich ob im Grüngürtel oder in der Innenstadt. Schon die Vorgängerregierung hatte sich diesbezüglich hehre Ziele gesetzt, die sich dann doch als illusorisch herausstellten. „Auch im Vereinigten Königreich sind Bauprojekte mit viel Aufwand und Bürokratie verbunden“, sagt Ulrich Hoppe, Geschäftsführer der DeutschBritischen Industrie- und Handelskammer. Zwar handle es sich um ein „Land der Häuslebauer“, in dem große Firmen auch schon mal ganze Straßenzüge entwickeln. Doch durch den Brexit habe sich die Personalsituation nochmals verschärft. „Seither können Unternehmen keine Arbeitnehmer mehr aus der EU entsenden“, sagt Hoppe. Wenn überhaupt, dann müssten sie sich mit britischen Unternehmen zusammentun. „Der Markt ist groß“, sagt Hoppe, „aber trotzdem sehen wir noch keinen Ansturm deutscher Baufirmen.“ Bis in Großbritannien also wirklich massenhaft neue Wohnungen emporschießen, dürften im Green Belt noch einige Golfbälle durch die Gegend fliegen – ganz gleich, ob man das nun mag oder eben nicht. 1 IM STAU Schon heute sind die Autobahnen rund um London im Berufsverkehr überlastet. Hier soll nun eine komplett neue Stadt für 2.500 Personen entstehen 2 ENTLASTUNG Wohnen im Londoner Umland ist extrem teuer. Die Regierung erhofft sich, dass neue Bauvorhaben den Immobilienmarkt entlasten „UNSERE STÄDTE WACHSEN SO STARK, DASS WIR IN DEN NÄCHSTEN JAHREN BIS ZU FÜNF MILLIONEN NEUE HÄUSER BRAUCHEN.“ Brian Berry, Vorsitzender des Bauwirtschaftsverbands Federation of Master Builders 2 1
20 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Campus & Young Leaders Interviews, Meldungen & Co. Die Business-Etikette ist in der Immobilienbranche ein entscheidender Türöffner und Erfolgsgarant für die Karriere, gerade für Young Professionals. Wer den professionellen Auftritt und die non-verbale Kommunikation beherrscht, baut wertvolle Verbindungen auf, gewinnt Vertrauen und schafft langfristige Geschäftsbeziehungen. Gerade in einer konservativen Branche wie der Immobilienbranche, in der bis zu vier Generationen unter einem Dach arbeiten, ist es von großem Vorteil, wenn man sich auf dem Business-Parkett bewegen kann und die Klaviatur der Kommunikation beherrscht, um sich empfehlen und positionieren zu können. „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“ – ein zeitloser Spruch mit Wahrheit. Unser Gehirn entscheidet blitzschnell, ob wir Vertrauen oder Ablehnung empfinden. Ein professionelles Erscheinungsbild und ein souveräner Auftritt sind daher entscheidende Türöffner. Wird diese Chance vertan, braucht es viel Zeit und Überzeugungskraft, um die anfängliche Skepsis zu überwinden – wenn überhaupt die Gelegenheit dazu bleibt. CAMPUS TIPP 1: BEWUSSTE NON- VERBALE KOMMUNIKATION „Wir können nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick) und das bedeutet, wir kommunizieren immer: über unsere Kleidung, Haltung, Ausdrucksweise. Mit non-verbaler Kommunikation kannst du ganz fein die Weichen in die gewünschte Richtung stellen und dir dadurch Vorteile verschaffen. Dessen sollte man sich stets bewusst sein. TIPP 2: PROFESSIONELLES IMAGE Dein professionelles Image entsteht nicht über Nacht, sondern durch konsistentes Verhalten, das Kompetenz, Authentizität und Respekt ausstrahlt. Dazu gehören: • Auftritt und Kleidung • Kommunikation • Netzwerken • Weiterbildung • Zuverlässigkeit TIPP 3: NETZWERKEN Es ist nie zu früh, sich Netzwerken anzuschließen. Denn sie bieten: • Neue berufliche Möglichkeiten und Kontakte • Wissens- und Erfahrungsaustausch: wertvolle Tipps, Best Practices • Sichtbarkeit in der Branche: erhöht die eigene Bekanntheit und stärkt dein Image • Karrierebeschleunigung: durch Beziehungen, die auf Vertrauen und gegenseitigem Mehrwert basieren • Beispiel: FRETI – ein Netzwerk für hochkarätige, engagierte, innovative, junge Führungskräfte in der Immobilienbranche und solche, die es werden möchten TEXT Britta Balogh Coach für Führungskräfte BUSINESS-ETIKETTE IST NICHT AUS DER MODE
21 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Als Immobilienmanagerin aus der Generation Z ist mir der Einsatz digitaler Technologie in allen Bereichen selbstverständlich. Doch wie viel davon ist sinnvoll und vor allem: für wen? Obwohl die neuen technischen Möglichkeiten viele Erleichterungen bieten, sehe ich in meinem Arbeitsalltag auch zahlreiche Herausforderungen. Ein aktuelles Beispiel ist die Eigentümerversammlung. Der Gesetzgeber hat beschlossen, dass diese zukünftig auch vollständig online stattfinden kann. Das ermöglicht es Eigentümerinnen und Eigentümern, von überall teilzunehmen, und vereinfacht den Zugang zu Dokumenten und Abstimmungen. Gerade für Berufstätige oder Eigentümer, die weit entfernt wohnen, ist das eine Erleichterung. Doch in einem virtuellen Meeting fehlen oft wichtige Aspekte der persönlichen Interaktion. In Präsenzveranstaltungen kann ich schnell erkennen, wer den Raum verlassen hat, die Stimmung im Raum besser einschätzen und auf Emotionen direkter reagieren. Nonverbale Signale sind im digitalen Format schwerer zu erfassen, was die Moderation und das Verständnis für die Anliegen der Eigentümer erschwert. Ein weiteres Beispiel sind Verwaltungsapps, die zunehmend in der Immobilienverwaltung zum Einsatz kommen. Die ermöglichen es Eigentümern und Mietern, Informationen hochzuladen, Anfragen zu stellen oder Reparaturen zu melden. Das verbessert die Transparenz und den Informationsfluss. Doch technisch weniger versierte Nutzer fühlen sich oft überfordert. Diese digitalen Hilfsmittel müssen nicht nur technisch einwandfrei, sondern auch benutzerfreundlich und intuitiv sein, damit sie von allen problemlos genutzt werden können. Diese Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung in der Immobilienbranche eine Gratwanderung ist. Einerseits bringt sie enorme Vorteile: effizientere Prozesse, bessere Erreichbarkeit und mehr Flexibilität. Andererseits haben unsere Kunden unterschiedliche Bedürfnisse und technische Fähigkeiten. Während für jüngere, digital-affine Kunden Apps und Online-Dienste selbstverständlich sind, schätzen ältere Generationen häufig den direkten persönlichen Kontakt. DIGITALISIERUNG: EINE GRATWANDERUNG LARA LYZNIAK ist Immobilienmanagerin bei der WEG/SEV, BEB+ Immobilien GmbH Aroundtown ruft innovative Start-ups dazu auf, sich für das eigene PropTech-Accelerator-Programm ATechX zu bewerben. ATechX identifiziert und unterstützt disruptive Technologien, die zentrale Herausforderungen wie digitale Transformation, Nachhaltigkeit und operative Effizienz im Immobiliensektor bewältigen. Das Programm bietet den auserwählten Start-ups ATechX Zugang zu Mentoring, realen Testumgebungen und Kapitalpartnerschaften mit führenden Venture-Capital-Unternehmen wie Fifth Wall und noa. Bislang wurden etwa 200 Bewerbungen eingereicht, sechs Startups wurden für die erste Kohorte bereits ausgewählt. Sie entwickeln Lösungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Internet der Dinge (IoT) und Nachhaltigkeit. Weitere sollen folgen. AROUNDTOWN GREIFT START-UPS UNTER DIE ARME 1.100 Laut PropTech Map Germany 2024 von Blackprint sind derzeit über 1.100 PropTechs im Immobilienmarkt unterwegs. Ein leichter Rückgang im Vergleich zur letzten Ausgabe vor etwa sechs Monaten.
22 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Campus & Young Leaders Interviews, Meldungen & Co. DIGITALPIONIERE GESUCHT! Der Award „Digitalpioniere der Wohnungswirtschaft“ zeigt seit 2022, wie die Digitalisierung bei den vielen Herausforderungen in der Branche helfen kann. Nun geht der Award in die vierte Runde: Gesucht werden bereits abgeschlossene oder laufende Gemeinschaftsprojekte zwischen Wohnungsunternehmen und PropTechs. Die Einreichungsfrist für Bewerbungen endet am 7. März 2025. Alle nominierten Teams erhalten eine Einladung zur Real Estate Arena am 14. und 15. Mai 2025 in Hannover, in deren Rahmen erstmalig die Preisverleihung stattfindet. Mitmachen lohnt sich also. Das PropTech-Unternehmen iDWELL hat eine Finanzierungsrunde über zehn Millionen Euro abgeschlossen. Die Investition kommt von Knight Capital sowie bestehenden Partnern wie Flashpoint Venture und Wecken & Cie. Mit diesen Mitteln will iDWELL seine Marktposition im Bereich der intelligenten Immobilienverwaltung weiter ausbauen. Bereits 750 Immobilienverwaltungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz setzen auf die SaaS-Plattform von iDWELL, die derzeit 1,5 Millionen Wohneinheiten verwaltet. Die frischen Mittel sollen vor allem in die Weiterentwicklung der Plattform mit Künstlicher Intelligenz sowie in die Erweiterung des Dienstleistungsportfolios fließen. „Unser Ziel ist es, das Wachstum weiter zu steigern, neue Hausverwaltungen zu gewinnen und unser Angebot in der DACH-Region auszubauen“, so Gründer und CEO Alexander Roth (Bildmitte). Die Partnerschaft mit Knight Capital wird iDWELL dabei helfen, innovative Lösungen in der zunehmend digitalisierten Immobilienbranche anzubieten. Das Europäische Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) vereint verschiedene Einrichtungen mit vielfältigen Bildungsangeboten. Da kann man schon mal durcheinander kommen. Klarheit bringt der QR-Code rechts. 10 MIO. EURO: JUNGES TEAM ERHÄLT FINANZSPRITZE SELBST- UND FREMDWAHR- NEHMUNG DER GEN Z EBZ-BILDUNGSANGEBOT AUF EINEN BLICK Bewerbungsformular und weitere Infos Ältere Kollegen schreiben der Gen Z (12- bis 27-Jährige) oft Selbstüberschätzung, fehlende Disziplin und mangelnde Belastbarkeit zu. Die Gen Z sieht sich selbst hingegen anders. Dies ist ein Ergebnis einer Studie der Baulig Consulting, zur Selbst- und Fremdeinschätzung junger Menschen. Befragt wurden je 1000 Angehörige der Gen Z und der Altersgruppe 30 - 67 Jahre. Die Studie fasst die Ergebnisse und Zustimmungsraten zusammen. Ein Auszug. Quelle: Baulig Consulting Eigenschaften der Gen Z Gen Z 30- bis 67-Jährige Lernbereit 67 % 56 % Anpassungsfähig 67 % 44 % Faul 50 % 57 % Selbstüberschätzend 61 % 74 % Diszipliniert 58 % 36 % Belastbar 54 % 31 % Hier geht’s zum kompletten EBZ-Angebot
Dr. Stefanie Weidner. Die Vorständin bei Werner Sobek, wurde mit dem Young Leader Award im Rahmen der ULI Germany Leadership Awards ausgezeichnet. Die Auszeichnung würdigt ihr außergewöhnliches Engagement für nachhaltige und zukunftsweisende Konzepte in der Immobilienwirtschaft. In seiner Laudatio hob Felix Grelck, Managing Director Development bei der Momeni, Weidners Fähigkeit hervor, innovative Ideen mit klarer Ausrichtung auf Nachhaltigkeit umzusetzen und dabei auch als Führungskraft mit Weitblick und Mut zu überzeugen. „Der Award ist für mich der krönende Abschluss eines außergewöhnlichen Jahres“, so Dr. Weidner. „Er motiviert mich, weiterhin mit Leidenschaft an zukunftsfähigen Lösungen zu arbeiten.“ Mit dieser Ehrung rückt eine junge Führungspersönlichkeit in den Fokus, die mit frischen Perspektiven und entschlossenem Handeln einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung leistet. YOUNG LEADER AWARD FÜR ...
24 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Campus & Young Leaders Interviews, Meldungen & Co. BENEDIKT MANIGOLD NEUER CEO BEI MCMAKLER: EUROPAWEITER STUDIERENDENWETTBEWERB Der digitale Makler McMakler hat Benedikt Manigold (35) zum neuen CEO ernannt. Manigold übernimmt die Rolle von Felix Jahn, dem Gründer und bisherigen CEO, der sich im Juni 2024 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat. Manigold selbst ist seit 2018 als CFO und Geschäftsführer bei McMakler tätig, er will nun die Marktposition des Unternehmens weiter ausbauen. Sein Ziel sei es, „die aktuellen Herausforderungen am Markt zu bewältigen und McMakler erfolgreich in die nächste Wachstumsphase zu führen“, erklärt Manigold. Außerdem soll er das Maklernetzwerk durch gezielte Neueinstellungen und Weiterbildungen ausbauen und digitale Prozesse weiterentwickeln. Das Urban Land Institute (ULI) und das Immobilienunternehmen Hines haben die „ULI Hines Student Competition – Europe 2025“ für Studierende der Immobilienwirtschaft ausgeschrieben. Universitäten und Wirtschaftshochschulen in ganz Europa sind eingeladen, Teams aus vier Personen zu bilden und sich bis zum 14. Februar 2025 zu bewerben. Der Wettbewerb bietet die Möglichkeit, theoretisches Wissen in einer praktischen Aufgabe anzuwenden. Die Teams bearbeiten eine anspruchsvolle Fallstudie und präsentieren ihre Lösungen einer Jury aus Branchenexperten. Themen sind verantwortungsvolle Flächennutzung und nachhaltige Entwicklung. Das Finale findet im April 2025 in der HinesZentrale „Grainhouse“ in Covent Garden, London, statt. Neben dem Wettbewerb gibt es Networking-Möglichkeiten mit führenden Branchenexperten und exklusive Einblicke in laufende Entwicklungsprojekte. Die Roland-Mall-Familienstiftung vergibt auch 2025 wieder den Mall-Umweltpreis Wasser, der herausragende Abschlussarbeiten im Bereich Regenwasserbewirtschaftung und blaugrün-graue Infrastrukturen auszeichnet. Mit insgesamt 30.000 Euro wird der Preis in den Kategorien Bachelor-, Masterarbeiten und Dissertationen vergeben. Die Stiftung, die sich der Förderung von Wissenschaft und Umwelt widmet, unterstützt mit diesem Preis innovative Lösungen für eine nachhaltige Stadt- und Wohnungsentwicklung. Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels gewinnen effiziente Regenwasserbewirtschaftung und die Integration grüner und blauer Infrastrukturen zunehmend an Bedeutung für die Resilienz urbaner Räume. Bewerbungsschluss ist der 31. Januar 2025. UMWELTPREIS FÜR ABSOLVENTEN Alle Infos zur Bewerbung findest du hier Interessierte Studierende scannen diesen Code
Menschen & Märkte Kolumne Am Wochenende nach den Wahlen in den USA und dem Scheitern der Ampel in Deutschland wird klar, dass dieser 7.11.2024 als Gamechanger in die Geschichte eingehen wird. Abrisshammer und Wolkenkuckucksheim, kruder Neustart dort und dramatischer Systemabsturz hier. Oder umgekehrt. Denn weder populäres Strohfeuer noch bissige Schuldzuweisungen werden den fundamentalen Problemen beider Länder gerecht. Die Aufgabe, die ansteht, ist nichts weniger als ihre Neuerfindung. Das Leben gleicht häufig einem Knäuel aus gegensätzlichen Ansprüchen, unentwirrbar und ohne erkennbare Stabilität und Ordnung. Es sind aber die Strukturen und Prozesse, die unserem Denken und Handeln Halt und Orientierung geben. Um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten, müssen sie immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst werden. Wenn Wohnungen nicht gebaut werden, Büros leer bleiben, Subventionen nicht motivieren, Gerichte kaum Recht sprechen, Forschung, Entwicklung und Produktivitätszuwächse ausbleiben, die Infrastruktur zerbröselt und Überregulierung allgemein beklagt wird, ist es höchste Zeit, massive Strukturreformen anzugehen. Städte sind so ziemlich das Komplizierteste, was Menschen zustande gebracht haben. Eine Vielzahl von technischen Fähigkeiten und wissenschaftlichem Sachverstand muss zusammenkommen, um dabei halbwegs erfolgreich zu Nach den WAHLEN in den USA: Weder populäre Scheinlösungen noch bissige Schuldzuweisungen werden den Problemen beider Länder gerecht. STRUKTUREN UND PROZESSE
27 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 sein. Im September fanden in Bad Aibling die Baukulturtage statt. In kurzweiligen Vorträgen erläuterten Florian Nagler, Thomas Auer, Elisabeth Endres und Amandus Samsøe Sattler ihre schönen und gelungenen Modellvorhaben zur Wärmewende. Die soll den Gebäudebestand in Deutschland bis 2045 klimaneutral machen. Ein sehr ehrgeiziges Vorhaben, bei dem enorme Ressourcen, viel Zeit und Lebensenergie eingesetzt, aber auch leicht verpulvert, fehlgeleitet und verschwendet werden können. Um aus diesen Modellvorhaben eine erfolgreiche nationale Reformbewegung zu machen, braucht es mehr als besonders begabte Einzelpersonen. Es sind die guten Strukturen, die Prozesskultur und gute Institutionen, die das möglich machen können. Wie Entscheidungen getroffen werden, wer und wie viele Personen dabei eingebunden sind und ob ausreichend Sachverstand involviert ist, entscheidet auf allen Ebenen über Erfolg oder Misserfolg. Das beginnt bereits bei der Besetzung wichtiger Positionen. Ist es die Bürgermeisterin, die sich für ihre Freundin als neue Baudirektorin entscheidet? Oder der Bundeskanzler für seine loyale, aber unerfahrene Parteifreundin als Bauministerin? Weil solche Positionen wirkmächtiger sind als so manch andere Politiker, sollten Städte den Ehrgeiz haben, wie ein Bundesligaverein bei der Trainersuche, den besten Kandidaten für sich zu gewinnen. Ein sorgfältiges Auswahlverfahren könnte durchaus angemessen sein. Ich halte es für sinnvoll, zunächst eine kompetente Kommission einzusetzen, die potenzielle Personen vorschlägt, und eine weitere Kommission, die die Auswahl trifft. Ich habe mehrfach erlebt, wie erfolgreich das im Kunstkontext bei der Auswahl von Kuratoren gewesen ist. Um schneller und handlungsfähiger zu werden, müssen die öffentlichen Institutionen wie Stadtplanung, Bauaufsicht und Verkehrsplanung kompetenter und entscheidungsfreudiger aufgestellt werden. Dafür müssen attraktivere Positionen geschaffen werden, die auch Führungspersönlichkeiten ansprechen. Denn kaum ein schlauer und tatkräftiger Kopf möchte zwischen fest geschmiedeten Hierarchien stecken bleiben. Die größeren Städte haben zumeist Stadtbauräte, die sich Beiräte aussuchen, Werkstätten veranstalten und Entscheidungsprozesse fachlich gut begleiten. Die meisten Kommunen haben diese Strukturen aber nicht. In den Ämtern fehlt dann die Bauherrenkompetenz und das baukulturelle Wissen. Vielfach sind die wenigen Stellen von Parteifreunden besetzt. Dann purzeln in den Prozessen die unterschiedlichen Planungsschritte durcheinander, Prioritäten werden falsch gesetzt und diverse Kompetenzen rangeln ohne Führung durcheinander. Und beim Wähler entsteht der Eindruck, die quatschen nur, beschäftigen sich miteinander und gehen die fundamentalen Probleme nicht an. Sie wählen dann eine andere Regierung, die erneut die Hoffnungen enttäuscht und mit noch größerer Verzweiflung wieder abgewählt wird. Kaum einer erkennt, dass es die Strukturen und Prozesse sind, die auf so vielen Ebenen nicht mehr funktionieren. Die müssen reformiert werden. „ES SIND DIE STRUKTUREN UND PROZESSE, DIE IN OFT UNTERSCHÄTZTER WEISE UNSER DENKEN UND HANDELN PRÄGEN. DABEI ENTSCHEIDEN SIE ÜBER ERFOLG ODER MISSERFOLG.“ Eike Becker, Architekt EIKE BECKER leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_ Architekten in Berlin. Internationale Projekte und Preise be- stätigen seitdem den Rang unter den erfolgreichen Architekturbüros in Europa.
I M M O - P O R T R A I T Sylvia Pruß 1 BLUMEN spielen im Leben von Sylvia Pruß eine wichtige Rolle. Nicht immer sind es echte ... 28 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Portrait Das Büro in Strausberg bei Berlin ist jedoch nur ein Ort, an dem sie arbeitet. Den vielen Ehrenämtern, die sie innehat und aufgrund derer ihr wohl auch das Bundesverdienstkreuz verliehen worden ist, widmet sie sich nicht nur dort. Sie war lange Vizepräsidentin des Verbands der Handelsrichter, ist immer noch Handelsrichterin, Schöffin beim Strafgericht, Prüferin für Immobilienkaufleute bei der IHK, Ausschussvorsitzende beim Lehrgang zum zertifizierten Immobilienverwalter und so weiter. Auf ihre Initiative hin gibt es Ausbildungsbotschafter, die an Schulen gehen und bei Abiturienten für den Beruf des Immobilienkaufmanns werben. Ganz schön viele Ehrenämter … Nein, meint sie, ihre Söhne hielten ihr den Rücken frei, wenn sie etwa bei Gericht sei. Ansonsten: alles eine Frage der Organisation. Und: „Ist das Bundesverdienstkreuz nicht eine tolle Anerkennung für alle diese Tätigkeiten?“ Sie ist freundlich. Zu mir, zu den Mitarbeitenden, zu den Wohnungseigentümern, die sie zum Teil schon lange betreut. Und die wissen, was sie an ihr haben. Aber von allen, zu denen sie ein Vertrauensverhältnis aufbaut, verlangt sie Solidarität. Als ein Verwaltungsbeirat sich bei der Abstimmung wegen einer Erhöhung der Verwaltergebühren enthielt, war sie sowas von „not amused“, dass immer noch nicht klar ist, ob sie die Eigentümergemeinschaft behalten wird, auch wenn der arme Mann inzwischen mehrfach versucht hat, alles ins Lot zu bringen. Für sie war das wie ein Vertrauensbruch. Der Weg zu Sylvia Pruß führt durch einen offenen Hinterhof. Ziemlich nah liegen Gärten. Später lerne ich, dass die von ihr selbst angelegt worden sind. Im Büro überall Blumenbouquets, Kunstblumen allerdings. Da will ich gleich mal kritisch nachfragen. Mache ich aber später. Denn nach einer Stunde Fototermin sieht man SP eine gewisse Erschöpfung an. Der Fotograf wollte sie vor der langen Wand von Ordnern ablichten. Sie war nicht begeistert. „Wir digitalisieren doch gerade in großem Stil. Ab dem 1.1.2025 soll alles auf dem neuen ERP-System laufen. Da sollte ich nicht vor einer Ordnerwand stehen.“ Ich sage, das Problem könne man über die Bildunterschrift lösen. Das freut sie: „Die letzte Stunde war etwas anstrengend. Für ein Foto zu lächeln, fällt mir nicht gerade leicht.“ EHRENÄMTER UND HÜHNER Ohne Foto macht sie das aber oft. Besonders wenn Sylvia Pruß über ihre zwei Söhne spricht, die gerade mit ihrem Vater, einem renommierten Arzt, in Mecklenburg beim Angeln sind. Oder über die Arbeit selber, für die sie – welch passendes Stereotyp – Herzblut vergießt. Sie geht auch gerne angeln, zu Union Berlin und – nehme ich ihr ab – gerne ins Büro. So gerne, dass sie mit ihrem Unternehmen nicht zu groß werden will. Umziehen möchte sie nicht mehr. Ihre zwei Söhne arbeiten mit im Betrieb. Möglicherweise wird sie auch eine Enkelin mit hineinholen. Ein Familienunternehmen für den Familienmenschen. PORTRAIT MIT BLUMEN Die Inhaberin der Pruß Hausverwaltung und neue Präsidentin des Verbands der Immobilienverwalter VDIV ist auch Agraringenieurin. Das prägt sie und unterscheidet sie von anderen. Ihr grüner Daumen hilft ihr manchmal bei Gesprächen mit dem Beirat. Allerdings stellt GARTENARBEIT nur einen sehr kleinen Teil ihres Berufslebens dar. TEXT Dirk Labusch 1
Ich schaue entgeistert. Vertrauensbruch? So etwas? Sie betrachtet diese Situation, die sie damals unvorbereitet traf, als Lernfeld. „Da habe ich möglicherweise überreagiert, meine Söhne haben mich wieder eingenordet.“ Sylvia Pruß will getragen sein. Sie hat die Vorsitzenden der einzelnen Landesverbände gefragt, ob sie ihre Kandidatur zur VDIV-Präsidentin unterstützen, was sie taten. Sie wollte nicht mehr so knapp gewählt werden wie vor einigen Jahren als VDIV-Vize. KOMPROMISSBLUMEN Jetzt komme ich auf die Kunstblumen. Das klärt sich schnell: „Ich kann nicht ohne Grün, und meine Mitarbeiter vergaßen zu oft das Gießen. Also waren Kunstblumen der Kompromiss.“ Sylvia Pruß hat in ihrem ersten Leben den Beruf der Agraringenieurin gelernt. Sie liebte es damals, in Forschung und Lehre zu arbeiten. Aber sie kann auch Trecker fahren, Mähdrescher und Häcksler. Sie hat ihre eigenen fünf Hühner gezüchtet und einen Hausmeisterservice aufgebaut. Pruß hat einen ausgeprägten grünen Daumen, manchmal kann man sie mit der Kettensäge sehen, wie sie Bäume beschneidet und den Verwaltungsbeirat mit ihren grünen Kenntnissen überrascht. Ihre Gartenschere hat sie immer im Kofferraum und schon oft benutzt. Einmal machte sie mit ihrer Familie in Mallorca Urlaub auf einer Finka mit großem Garten. Der Vermieter erklärte ihr, alle vier Tage komme der Gärtner, um die Pflanzen zu beschneiden. Das verbat sie sich. Mache sie lieber selber. Sie genießt das, es ist für sie Extraurlaub im Urlaub. IHRE GARTENSCHERE HAT SIE IMMER IM KOFFERRAUM, UND MANCHMAL KANN MAN SIE MIT DER KETTENSÄGE SEHEN, WIE SIE BÄUME BESCHNEIDET. 1 LÄCHELN Sylvia Pruß sagt, sie tue sich schwer damit, auf Fotos zu lächeln. Davon sieht man hier nichts! 2 FUSSBALL Ihr Club ist nicht Hertha ... 3 VOR DEN AKTEN Das Bild vor der Ordnerwand sollte es ursprünglich nicht geben. Ab dem 1.1. will Sylvia Pruß ihr Büro vollständig digitalisiert haben 30 · Immobilienwirtschaft · 06 / 2024 Menschen & Märkte Portrait
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