CONTROLLER Magazin 1/2020

55 dem Ehrenamt muss der Controller hierzu eine Kultur des Dialogs und einen transparenten, wertschätzenden und partizipativen Umgang praktizieren. Biel: Sie betonen, so auch in unserem Vorge- spräch, die Bedeutung und Leistungsfähigkeit der BWL und was sie uns als Methoden und In- strumente zur Verfügung stellt. Bitte nennen Sie uns beispielhaft zwei Themen, die man nicht im Studium lernt, aber dennoch kennen und beherrschen sollte? Böth: Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre ist das Wirtschaften in und von Betrieben und die Analyse von Entscheidungsprozessen. Der praktische Anwendungsfall einer sozialen Non-Profit-Organisation ist hierbei leider zu sel- ten Gegenstand der Lehre oder der anwen- dungsorientierten Forschung. Ein anderer Punkt ist die Sozialkompetenz der zukünfti- gen Akademiker, die zwar in vielen Modulbe- schreibungen der Hochschulen als Lernziel ir- gendwie auftaucht. Teamgeist, Motivation und erste Führungserfahrung kann man m. E. aber am besten durch eigenes ehrenamtliches En- gagement schon während des Studiums erwer- ben, wie z. B. beim Roten Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen. Biel: Bei der Vorbereitung unseres Interviews bin ich auch darauf gestoßen, dass es in Ihrer Organisation viele Elemente wie in jedem ande- ren Unternehmen gibt. Neben zahlreichen sozi- alen und humanitären Themen bin ich u. a. auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen, die besonders intrinsisch motiviert sind . Biel: Bitte lassen Sie uns diesen interessanten Aspekt der Beweggründe des Arbeitens der vielen Ehrenamtlichen und auch des Wertesys- tems Ihrer Organisation etwas detaillierter be- handeln – und auch einige Vergleiche ziehen. Böth: Dies ist in der Tat ein bemerkenswerter Faktor. Das hohe ehrenamtliche Engagement leitet sich insbesondere aus den sieben Rot- kreuzgrundsätzen ab, für die das Rote Kreuz als weltweit größte humanitäre Bewegung steht: ➡ 1. Menschlichkeit, ➡ 2. Unparteilichkeit, ➡ 3. Neutralität, ➡ 4. Unabhängigkeit, ➡ 5. Freiwilligkeit, ➡ 6. Einheit und ➡ 7. Universalität. Sie stellen so etwas wie das oberste Wertesys- tem des DRK dar. Im gewinnorientierten Sektor würde man hier von Unternehmensphiloso- phie sprechen. Der Identifikationsgrad mit die- sen Grundsätzen ist im Bereich der ehrenamtli- chen Helferinnen und Helfer – und natürlich auch bei den hauptamtlichen Beschäftigten – extrem hoch und es ist für die Organisation wichtig, das daraus abgeleitete ideelle Engage- ment stets aufrechtzuerhalten. Das Control- ling muss dazu beitragen , die ideellen Ziele der Organisation nicht nur messbar zu machen, sondern sie auch in die Sprache des Ehrenam- tes zu übersetzen. Insbesondere gegenüber Biel: Bitte lassen Sie uns die Perspektive wech- seln und auf das Controllingumfeld sowie auf die spezifischen Rahmenbedingungen zu spre- chen kommen. Böth: Das weitgehende Fehlen einer klassi- schen Marktsituation mit Angebot und Nachfra- ge ist hier sicher der wesentliche Unterschied zu beispielsweise einem Maschinenbauunter- nehmen. Und auch die Finanzierung bzw. Be- zahlung unserer sozialen Dienstleistungen er- folgt i. d. R. nicht direkt durch einen Kunden, sondern über öffentliche Zuwendungen, Spen- den (z. B. Mitgliedsbeiträge) und Leistungsent- gelte (z. B. der Krankenkassen). Dabei beteiligt sich der eigentliche „Kunde“ als Empfänger der Dienstleistung nicht oder nur indirekt an der Fi- nanzierung. Es treten hier also – im Gegensatz zum üblichen gegenseitigen Leistungsaus- tausch – drei Akteure mit unterschiedlichen Interessen und Ansprüchen aufeinander. Zu- dem ist die Willensbildung in einem eingetrage- nen gemeinnützigen Verein weniger hierar- chisch als in einem gewinnorientierten Unter- nehmen, sondern durch regelmäßige Mitglie- derversammlungen und Vorstandswahlen eher demokratisch geprägt. All dies müssen wir beim Controlling beachten. Biel: Bitte lassen Sie uns noch einmal an- knüpfen an Ihre Aussagen zur Controlling-Ak- zeptanz. Controlling wird – wie bereits er- wähnt – oft instrumentell gesehen und be- schrieben. Wieweit ist aber auch die Kultur – speziell in Social-Profit-Organisationen – ein Hebel, Controlling zu verankern? Zielorientie- rung und Transparenz, Analyse und Diskurs werfen Verhaltensfragen auf. Welches Con­ trolling-Verhalten passt in eine Organisation der DRK-Gliederung? Böth: Dies ist ein sehr spannendes Thema. Das Controlling soll mit ausgewählten Instru- menten den Entscheidungsträgern Informatio- nen bereitstellen. Dabei ist natürlich die Unter- nehmenskultur der Organisation zu beachten. Als Beispiel sei die Ressource Personal ge- nannt, die in einem gewinnorientierten Unter- nehmen vertraglich gebunden und für eine de- finierte Arbeitsmenge und -inhalt entlohnt wird. Wir hingegen sind neben dem hauptamt- lichen Personal auch auf viele ehrenamtliche Autoren Diplom-Ökonom Dr. Thorsten Böth ist Kreisgeschäftsführer beim Deutschen Roten Kreuz, Kreis­ verband Solingen e.V. Nebenberuflich ist er Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Controlling der Schumpeter School of Business and Economics, Bergische Universität Wuppertal. Zuvor war er in der Planungsabteilung der Staatskanzlei des Landes NRW. E-Mail: thorsten.boeth@drk-solingen.de Dipl.-Betriebswirt, Fachjournalist (FJS) Alfred Biel ist Autor, Interviewer und Rezensent verschiedener Medien mit betriebswirtschaftlichem und fachjournalistischem Studien­ abschluss. Er verfügt über reichhaltige Praxiserfahrung aus verantwortlichen Tätigkeiten in betriebswirtschaftlichen Funk- tionen großer und mittlerer Unternehmen. Der Deutsche Fach- journalisten Verband DFJV und der Internationale Controller Verein ICV verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft. E-Mail: alfred.biel@gmx.de CM Januar / Februar 2020

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