Controller Magazin 6/2019
48 für das Gemeinwohl, Verantwortung für die Lebensqualität der eigenen Belegschaft und Daseinsfürsorge für nachkommende Genera- tionen werden oftmals genauso stark bei be- sonderen Entscheidungssituationen (bspw. Standortwahl) gewichtet. Insgesamt ist zu vermuten, dass die Merkmale und möglichen Langzeitfolgen einer digitalen Geschäfts- und Lebenswelt (bspw. der Zusammenhang von hoher Energieabhängigkeit und Folgen für das Klima) besser herausgearbeitet und von Stu- dierenden ausgewogener gewürdigt werden und so die Charakterbildung künftiger Fach- und Führungskräfte bereichert. M an braucht mehr „Jugend forscht“-Mentalität. Das BWL-Studium: Wunsch und Wirklichkeit Doch wie sieht das Studium der Betriebswirt- schaftslehre aktuell aus? Modulbezogenes Faktenlernen bei hoher Prüfungsdichte steht immer noch im Vordergrund („Bulimie-Ler- nen“). Der Student macht keine allumfassende Abschlussprüfung, sondern wird häppchenwei- se Modul für Modul geprüft. Schon im Folgese- mester kann er sich kaum an das Erlernte aus dem Vorsemester erinnern. Nach der letzten Modulprüfung und einer Abschlussarbeit mit bestenfalls 50 Seiten gilt er nach 6 oder 7 Se- mestern als (vorläufig) fertig. Der Student im Bachelor-System hat kaum Gelegenheit oder Ansporn, sein Wissen aus möglichst vielen bzw. verschiedenartigen Modulen gleichzeitig abzurufen. Auch das Bilden von Studien- schwerpunkten ändert daran nicht viel, da der Schwerpunkt ja in der Regel ebenfalls modular konfiguriert und auf einen Bereich fokussiert ist. Ein Denken in Zusammenhängen, das Ent- stehen eines Gemäldes im Kopf der Studieren- den, wird so erschwert. Da die Module primär aspektbezogenes Wissen lehren, erlernen Stu- dierende kaum die Kompetenz des aktiven Pro- blemlösens von komplexeren Aufgaben wie bspw. das Durchführen einer Due Diligence im Rahmen einer Start-up-Unternehmenstransak- tion, das Anfertigen einer Machbarkeitsstudie für den Aufbau einer neuen Fabrik in einem Schwerpunktbereich inhaltlich perfekt aufein- ander abgestimmt sind und so sicherstellen, dass sich den Studierenden am Ende ein „ge- samtes Gemälde“ präsentiert. Querdenken lernen Wenn die These stimmt, dass wir mit offenen Augen durch eine Welt voller Überraschungen laufen müssen, sollten verbleibende Mitarbei- ter in Rechnungswesen und Controlling stra- tegisch resümieren oder einfach mal querden- ken können. Es braucht Mut, mal auf unkon- ventionelle Art und Weise Ideen zur Problem- lösung zu generieren. Daher bedarf es dringend der Erweiterung des BWL-Curricu- lums um Fächer wie Philosophie, Ethik, Psy- chologie, Politik und auch Rhetorik. Kreativität und Weitblick kann durch diese gerade ge- nannten Fächer sicher besser geschult wer- den als das Auswendiglernen von „aneinan- dergereihtem Häppchen-Wissen“, das man typischerweise in vielen Büchern zur Betriebs- wirtschaftslehre findet. Zudem lässt sich in ih- nen in Sachen Lebens- und Menschenfüh- rung mehr Erhellendes entdecken als übliche Lehrbücher bieten. Und sie würden zur Hinter- fragung der oftmals in der Lehre noch immer vorherrschenden Annahme des „Homo Oeco- nomicus“ beitragen. Kaum ein mittelständi- scher Unternehmer führt sein Lebenswerk nur nach finanzieller Ergebnisoptimierung. Sinn chend. Dies gilt es aber sodann entscheidend zu ergänzen: Rechnungswesen ist im weiteren Studienverlauf permanent eng mit den ande- ren Sachgebieten in Unternehmen, den Bran- chen sowie der finanz- und wirtschaftspoliti- schen Umwelt zu verzahnen, um das Denken in komplexeren Zusammenhängen zu fördern und unternehmerische Entscheidungen ganz- heitlicher beurteilen zu können. Zu dieser Be- urteilung gehört im Einzelfall auch das Erken- nen und Umgehen mit multiplen Zielen, die oftmals nicht miteinander harmonieren (bspw. finanzielle versus ökologische Ziele). Im Kon- fliktfall sind begründete Prioritäten zu setzen und diese in der Praxis durchzusetzen, was nicht immer ohne Überwindung von Wider- ständen erfolgt und Fähigkeit zum Kompro- miss verlangt. Der Einsatz von modulübergrei- fendem Wissen, ergänzend auch Erkenntnisse aus der Volkswirtschaftslehre und der Psy- chologie, bekommt damit eine zunehmende Bedeutung. Hierfür bieten sich umfangreiche Fallstudien in Seminaren, das Durchführen von auf Teamarbeit basierenden Unterneh- mensplanspielen sowie echte Projektarbeit (ohne aber auch gerne in Kooperation mit Un- ternehmen) an. Denn bei diesen drei Lernfor- men steht das „Probleme-lösen-können“ im Fokus. Entsprechend weit müssten die Modu- le an den Hochschulen inhaltlich gefasst wer- den oder es muss zumindest sichergestellt werden, dass einzelne Module in einem Abb. 5: Denkanstöße für die betriebswirtschaftliche Hochschullehre Digitalisierung un Rechnungswesen und Controlling
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