Controller Magazin 6/2019
47 bildet werden. Da dies alles zudem eine große Menge an Daten benötigt, sollte man Kenntnis vom Aufbau von Algorithmen und der Daten- pflege haben, was einen Ausbau der Informatik im Lehrplan erfordert. Wenn man sich einige sehr populäre digitale Geschäftsmodelle anschaut (bspw. Facebook, Airbnb, Uber oder Alibaba), so basieren diese auf dem Phänomen sog. mehrseitiger Märkte und nutzen sog. Netzwerkeffekte: Facebook stellt selbst keine Inhalte bereit; Airbnb besitzt selbst keine Immobilien. Aber sie wirken als In- termediär, ähnlich wie Geschäftsbanken, zwi- schen Usern bzw. Kunden auf der einen und den Anbietern bzw. Unternehmen auf der ande- ren Seite. Durch ihre Zwischenschaltung, die sie selber proaktiv betreiben, haben sie eine besondere ökonomische Machtstellung erhal- ten. So bietet bspw. Facebook die eigenen Dienste zwar unentgeltlich für die User an. Die- se bezahlen aber mit Preisgabe und Weiterver- kauf ihrer ausgewerteten Daten und mit dem Ertragen von personalisierter Werbung. Ein Netzwerk wie Facebook wird umso wertvoller für User, je mehr zu diesem Netzwerk hinwan- dern. Dies wiederum fördert die Monopolisie- rung. Hat ein Digitalunternehmen erst genug Fi- nanzkraft aufgebaut, kauft es potenzielle Wett- bewerber einfach auf und festigt seine Stellung am Markt. Derartige Phänomene sollten Stu- dierende der Betriebswirtschaftslehre, die sich ja bevorzugt mit Rechnungswesen und Control- ling beschäftigen, näher betrachten und für den Aufbau datengetriebener Geschäftsmodelle in den Unternehmen in ihre Planung einbeziehen. Verzahnung von Rechnungswesen mit anderen Sachgebieten Für diese hier skizzierten Bereiche ist ein mo- dulbezogenes Lernen zunächst völlig ausrei- Auswirkungen auf die Lehre an Hochschulen Die Vermittlung elementarer Grundlagen (bspw. Kostenrechnung und Bilanzierung) bleibt wei- terhin eine Notwendigkeit: Auch dann, wenn Buchungsprozesse oder Kostenkalkulationen automatisiert ablaufen, muss man diese Vor- gänge weiterhin beurteilen können. Dies ist al- lein schon deshalb notwendig, um einer „Tech- nologie-Hörigkeit“ bzw. einer enormen Aus- breitung des Fremdversorgungstrends dank di- gitaler Medien vorzubeugen. Daher muss das analoge Buchen bzw. kaufmännische Rechnen in jeder Hinsicht weiter auf dem Lehrplan in den ersten Semestern stehen und als „Elementar- tugend“ von den Studierenden begriffen wer- den. Gleiches gilt für das im Bereich des exter- nen Rechnungswesens notwendige Erlernen und Anwenden-Können elementarer Vorschrif- ten des Handels-, Steuer- und Gesellschafts- rechts. Auch im internen Rechnungswesen bzw. Controlling bleibt die Beherrschung wich- tigster Kalkulationsverfahren aus der Ergebnis-, Kosten-, Finanz- und Investitionsrechnung eine „conditio sine qua non“, will man im späteren Berufsleben überhaupt aus monetärer Pers- pektive begründet entscheiden lernen. A naloges Buchen bzw. kaufmännisches Rechnen muss weiter als „Elementartugend“ von den Studierenden begriffen werden. Wenn die „überlebenden“ Fach- und Führungs- kräfte künftig verstärkt anspruchsvollere Prog- nosen zur Geschäftsentwicklung und ihrer ent- scheidenden Antriebskräfte generieren, müs- sen sie verstärkt in quantitativer Methodik wie Statistik und Monte-Carlo-Simulationen ausge- „Consulting“: Mitarbeiter im Rechnungswe- sen müssen intime Kenner des unternehmeri- schen Geschäftsmodells sein, damit sie auf dieser Grundlage eine echte interne Bera- tungsfunktion gegenüber den Shareholdern ausüben können. Damit gilt es fachlich auch die eigenen engen Abteilungsgrenzen zu überwinden und sich bspw. in die Problem situation eines Vertriebs- oder Produktions- mitarbeiters zu versetzen. Neben den rechen- baren Effekten für ihre Gestaltungsvorschläge wird den strategischen Potenzialen eine höhe- re Bedeutung als heute zukommen. Strategi- sche Potenziale aufzeigen bedeutet bspw. ein stetes Auge auf sich ankündigende „Enabler“- Technologien zu haben, die den unternehme- rischen Erfolg verstetigen helfen oder Krisen vorbeugen. Da derartige Neuigkeiten häufig in Form frisch gegründeter Start-ups zu beob- achten sind, kommt der Bewertung von inno- vativen jungen Wachstumsfirmen eine erhöh- te Bedeutung zu. Beratung setzt besondere kommunikative und didaktische Fähigkeiten voraus, die es zu trainieren gilt. „Reporting“: Empfänger von Geschäftsbe- richten bzw. finanziellen Kennzahlen wollen diese verstehen und daraus Schlussfolgerun- gen ziehen, die ihnen bei ihrer Zielerreichung bzw. Interessendurchsetzung nutzen. Da Un- ternehmen nicht nur gegenüber Eigentümern berichten, sondern auch gegenüber anderen Anspruchsgruppen wie Mitarbeitern, Fiskus, Kreditgebern, Kunden, Lieferanten, Wirt- schaftsprüfern und interessierter Öffentlich- keit wie Finanzjournalisten, bedarf es weiter- hin individueller Aufbereitung des Zahlenma- terials. Zudem muss intern gegenüber den eigenen Mitarbeitern und in anderen Funkti- onsbereichen des Unternehmens der Zusam- menhang zwischen Finanzkennzahlen und den dahinterstehenden Werttreibern wie Markenstärke, Weiterempfehlungsraten, Fehlerquoten, Fluktuationsraten, Anzahl an Verbesserungsvorschlägen oder Patent anmeldungen und vieles mehr deutlich ge- macht werden („Ursache-Wirkungs-Re- porting“ oder adressatenspezifische Balan- ced Scorecards). Im Idealfall lässt sich dank Digitalisierung und Cloud Computing eine Ad-hoc-Berichterstattung realisieren. Autor Prof. Dr. Ralf Kesten lehrt an der FH WESTKÜSTE in Heide und vertritt das Fach gebiet „Finanz- und Rechnungswesen. E-Mail: kesten@fh-westkueste.de CM November / Dezember 2019
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