Personalmagazin Plus 5/2021
mit 27 Jahren Personalleiterin im Bereich Engineering Service von Thyssenkrupp, später war sie für 400 Leute in zwei Ge- sellschaften verantwortlich. Zweimal in Folge standen Restruk- turierungen auf ihrer Agenda und der Entschluss reifte, stärker positiv gestal- ten zu wollen. Sie verzichtete auf ihre Leitungsfunktion, um als „Expert Talent Brokerage“, eine Art Karriereberaterin, die Führungskräfte im Konzern zu be- gleiten. Trotz dieser Expertise hatte Ungar Zweifel, ob sie ein MBA-Studium würde stemmen können. Sie liebäugelte mit einer akademischen Weiterbildung, wollte sich noch einmal gedanklich selbst herausfordern. Über Kollegen kam sie auf das Studium an der ESMT Berlin – Thyssenkrupp ist eines der Gründungsunternehmen und Fördermitglied der Business School. Als sie ihrem damaligen Chef den Executive MBA als Weiterbildungsmaßnahme vor- schlug, rüstete sie sich dennoch für eine Absage. Aber er sagte: „Gute Idee!“ Die Unterstützung stand, die Studiengebüh- ren übernahm das Unternehmen und auch die Aufnahmeprüfung bestand sie mit Bravour. Studienschwerpunkte und Perspektivenvielfalt zählen Heute ist sie froh, dass sie sich nicht vom Arbeitsaufwand hat abschrecken lassen – 15 bis 20 Stunden pro Woche muss man investieren. Der beste Tipp kam von einem Kollegen: „Schließ vor Studienbe- ginn kein Netflix-Abo ab!“ Trotz derarti- gem Verzicht begeisterte sie ihr Studium in vielerlei Hinsicht. Die Schwerpunkte lagen in den Themen Leadership, Tech- nologie und Innovation sowie General Management. „Das war die perfekte Er- gänzung zu meiner bisherigen Laufbahn und passte auch hervorragend zu meinen persönlichen Interessen. Selbstreflexion war ebenfalls ein wesentlicher Teil des Programms – begleitet von Coachings und ein 360-Grad-Feedback.“ Als Personalerin war sie eher die Aus- nahme unter 51 Studierenden aus 27 Na- tionen – eine Virologin, ein Kommilitone aus demMusikgeschäft und der CEO von General Electric in Indien waren dabei. Sie verbrachte eine Woche an der Univer- sity of California in Berkeley. Zuletzt war sie kurz vor dem Corona-Lockdown zwei Wochen in Südafrika, besuchte dort mit der gesamten Klasse Unternehmen und NGOs. „Diese unterschiedlichen Perspek- tiven waren sehr bereichernd. Eine solche Vielfalt der Meinungen und Persönlich- keiten zu erleben, hilft mir heute, das Thema Diversity im Unternehmen positiv zu gestalten“, so Ungar. Zutrauen in sich selbst statt Fähnchen im Wind – das hat sie für ihre Haltung in Sachen Führung mitgenommen. Hoher Aufwand des Studiums bringt Höhen und Tiefen Dennoch bewegte sich ihre Stimmung nicht immer am oberen Ende der Skala. „Unser Dekan hatte uns vorgewarnt: Zu- erst sind die Teilnehmer euphorisch, alles ist spannend und man lernt neue Leute kennen. Dann geht die Kurve lange nach unten, wenn der Reality Check kommt, man viel lesen, Hausarbeiten schreiben und Prüfungen ablegen muss.“ Da seien Aktenordner an Material zusammenge- kommen, zahlreiche Case Studies (auch zu Netflix), die sie durcharbeiten musste. „Freunde und Familie waren für mich in der Zeit sehr wichtig, um einen Ausgleich zu haben. Sonst verliert man irgendwann die Orientierung.“ Mitte 2019 kam der Wechsel zu Rolls- Royce – im krisengebeutelten Indus triekonzern Thyssenkrupp waren die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung begrenzt. Sie nutzte die Chance für einen Entwicklungsschritt: Die neue Position brachte Ungar wieder Führungsverant- wortung ein, für die der MBA heute eine große Hilfe ist. Innerhalb des Geschäfts- bereichs Power Systems mit knapp 11.000 Beschäftigten weltweit ist die HR-Manage- rin für die Themen Talentmanagement, Leadership Development, Culture, Recrui- ting und Diversity & Inclusion zuständig. Das Unternehmen wandelt sich stark: Der Motorenbauer entwickelt inzwischen komplette Lösungen für Schiffsantriebe, schwere Fahrzeuge oder unabhängige Energiesysteme, die nachhaltiger, sicherer und sauberer werden sollen. Im Trans- formationsprogramm Fit2X bringt Ungar sich dabei mit Themen ein, die nicht nur HR betreffen. Ihre Expertise ist aber insbe- sondere bei den Themen Feedback-Kultur, „NewWays of Working“ sowie als Projekt- leiterin der jährlichen Gallup-Mitarbei- terbefragung gefragt. „Heute denke ich stärker vom Business her. Der Executive MBA hat mir als Personalerin geholfen, unsere internen und externen Kunden besser zu verstehen und meine Themen und Projekte danach auszurichten.“ Eine kritische Phase erlebte die HR-Ma- nagerin gegen Ende des Studiums mit ihrer Masterarbeit zum Thema „Diversity Management in Annual Reports of Ger- man DAX Companies“. Sie musste die Fragestellung während des Schreibens modifizieren und anschließend mehrere tausend Seiten Geschäftsberichte analy- sieren. Doch die Unsicherheit ist schnell gewichen und der eingeschlagene Weg war für Ungar goldrichtig: Die Note 1,0 für die Arbeit sei eine schöne Bestätigung dafür. Und letztlich zähle im Job sowieso nicht das „Qualitätslabel MBA“, sondern der Anspruch an sich selbst und wie man Reflexion und Erfahrungen in den Alltag einfließen lasse: „Mir kommt es darauf an, mich im Denken, Handeln und als Persönlichkeit – gemeinsammit anderen Menschen und dem Unternehmen – stän- dig weiterzuentwickeln.“ „ Heute denke ich stärker vom Business her und kann unsere Kunden besser verstehen.“ 23 Porträt
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