Das hat noch weitere Vorteile: Beispiels-
weise können auf diese Weise die mor-
gendlichen Stoßzeiten im Berufsverkehr
entschärft werden. Ganz abgesehen von
der Zeit, die man täglich unproduktiv
für die Fahrt zum Büro und wieder nach
Hause verbringt. Selbst das Bundesamt
für Straßenwesen hat diese Entwicklung
bereits vor Jahren in seine Verkehrs-
wegeplanungen einbezogen.
Nun befeuern zwei weitere Trends das
„Mobile Working“ noch stärker: „Cloud
Computing“ und „Consumerisation“, die
Vermischung der geschäftlichen und
privaten Nutzung vor allem von Smart-
phones und Tablet-PC, auch bekannt
unter der Bezeichnung „Bring your own
Device“. Beide Trends beschleunigen
die Entgrenzung der Arbeit, wobei Ent-
grenzung nicht unbedingt negativ zu
verstehen ist. Im Gegenteil: Die ständig
steigenden und immer komplexeren An-
forderungen in Unternehmen, gepaart
mit dem Druck des Wettbewerbs in ei-
ner globalisierten Welt, erfordern eine
Ausweitung der vormals engen, entlang
bestimmter Gebäude und fester Arbeits-
plätze und Arbeitszeiten gezogener
Grenzen. (Anmerkung der Redaktion:
Was hierbei rechtlich zu beachten ist,
lesen Sie ab Seite 18.)
Vorteile und Gefahren ausbalancieren
Im Verlauf der letzten Jahre ist ein Kom-
munikations-/Technik- und Arbeitsmix
entstanden, der nicht nur Vorteile bringt,
sondern auch Gefahren birgt. Da ist bei-
spielsweise der „Information Overload“,
bei dem immer schneller immer mehr
Informationen zur Verfügung stehen,
mit denen jeder seine Aufgaben erledi-
gen kann und soll. Das trägt vermehrt
zu Unsicherheiten in der Entscheidungs-
findung bei. Und: Weil die anstehenden
Aufgaben zeitsouverän erledigt werden
können, folgen hoher Motivation und
überdurchschnittlichem Engagement
zunehmend starke Überlastung.
Burn-out ist heute eine der am häu-
figsten gestellten Diagnosen für Arbeits-
unfähigkeit – und zugleich eine der
teuersten Krankheiten für die Unter-
nehmen und die Kassen. Seit Mitte der
80er-Jahre nahm der Anteil der Burn-
out-Erkrankungen und Depressionen
am Arbeitsplatz um knapp 500 Prozent
zu. (Anmerkung der Redaktion: Lesen
Sie dazu auch das Titelthema im Perso-
nalmagazin, Heft 6/2011.)
Hier müssen beide Akteure, Arbeitge-
ber und Arbeitnehmer, den Spagat zwi-
schen Vorteilen und Gefahren schaffen:
Denn es sind meist die hoch motivierten
Mitarbeiter, die Leistungsträger im Un-
ternehmen, die Gefahr laufen auszu-
brennen. Für sie ist es selbstverständlich,
einerseits die Vorteile des „Mobile Wor-
king“ zu nutzen und damit ein Plus an
Selbstbestimmung zu erleben. Anderer-
seits überschätzen sie zu leicht ihre eige-
nen Kapazitäten und unterschätzen die
Folgen. Knappe Personaldecken erlauben
keine wochenlangen Ausfälle. Wenn gute
Mitarbeiter ausfallen und die Anzahl von
in jedem Sinn entgrenzten Mitarbeitern
steigt, verschärft sich die Personalsituati-
on in einer Weise, der Unternehmen nur
schwer entrinnen können.
Das erkennen inzwischen immer
mehr Firmen. Sie versuchen deshalb mit
unterschiedlichen Mitteln gegenzusteu-
ern. Üblich sind beispielsweise betrieb-
liche Gesundheitsvorsorgemaßnahmen.
Jüngst wurde bekannt, dass die Telekom
Vereinbarungen abgeschlossen hat, mit
denen die Mitarbeiter dazu angehalten
werden, möglichst am Wochenende
keine Mails abzurufen und nicht zu ar-
beiten. Ein ungewöhnlicher Schritt, der
aber durchaus seine Berechtigung hat,.
Schließlich geht es hier unter anderem
um die Attraktivität von Unternehmen
für neue Mitarbeiter, ebenso um Ge-
sundheit und Mitarbeiterbindung so-
wie darum, dem Fachkräftemangel ein
Schnippchen zu schlagen.
Ausblick in eine ferne Zukunft
So hat die mobile Arbeitswelt Licht und
Schatten – wie viel davon, hängt imAuge
des Betrachters und liegt in der Hand
des Managements. Vielleicht werden wir
bald in einer Welt leben, in der wir – so
sagt es Jonathan Spira in seinem Buch
„Information Overload“ für das Jahr 2084
voraus – über den „iBeam“ Zugang zum
Weltgedächtnis bekommen – täglich
bereits beim Aufstehen, automatisiert
und ganz ohne unser Zutun. Darüber
hinaus gibt es dann die „i-School“ und
„i-Education“ als Ersatz für schulisches
und universitäres Lernen. Der „Sleep-
Beam“ sorgt dafür, dass man sich in ver-
schiedenen Schlafphasen automatisiert
Wissen aneignet. Und „i-Filter“ sortieren
unwichtige Daten aus, um nicht in zu
vielen Informationen zu ersticken.
Der Austausch von Informationen, die
Kommunikation und das Zusammenar-
beiten mit Kolleginnen und Kollegen,
selbstverständlich ohne jemals nochmals
ein Büro betreten zu müssen, könnten
dann ebenfalls über solche Technologie
stattfinden. „Holo-Meetings“, Bespre-
chungen, bei denen man sich gemein-
sam, quasi mit seinem holografischen
Zwilling, in einem virtuellen dreidimen-
sionalen Raum befindet, sind dann an
der Tagesordnung. Es gilt: „Beam me up,
Scotty!“
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MOBILE ARBEITSWELT
Bei Fragen wenden Sie sich bit te an
personalmagazin 12 / 11
ist freier Journalist,
Autor und
Kommunikationsberater.
Ulli Pesch
Gerade für hoch motivierte Mitarbeiter ist „Mobi-
le Working“ selbstverständlich. Doch Arbeit ohne
Grenzen verschärft die Personalsituation.