96 · Immobilienwirtschaft · 03 / 2024 Investment & Finanzierung Handelsimmobilien voll. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern bezeichnet die Situation in den „Innenstädten und Ortszentren durch multiple Krisen angespannt“. Sie verweist auf den Strukturwandel, die Rezession, die Warenhausschließungen und den Arbeitskräftemangel. Doch Leerstände bieten auch eine Chance für innovative Konzepte und neue Geschäftsmodelle. Deutsche und internationale Lösungsansätze zeigen, dass mit Flexibilität, Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Trend umgekehrt werden kann. ZWISCHENNUTZUNG: HIGH NOON FÜR POP-UP-STORES Nicht nur in den USA werden Pop-up-Stores und temporäre Konzepte eingesetzt, um Leerstände in Gebäuden vorübergehend zu beleben und neuen Marken eine Plattform zu bieten, ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. In Deutschland war das Lulu in Mainz – eine Mischung zwischen Concept Store und dem Shabby Chic eines Flohmarktes – recht erfolgreich. Die Zwischennutzung des ehemaligen Kaufhauses wurde gut angenommen. Ziel war es, dass sich kleine Händler und Start-ups in 1a-Lage ausprobieren konnten, viele von ihnen kamen aus dem Online-Verkauf. Ihr Risiko war kalkulierbar, denn die Einstiegsmiete war mit 150 Euro inklusive Nebenkosten für vier, fünf Quadratmeter niedrig und der Mietvertrag monatlich kündbar. Für die Stadt war es auch interessant, denn durch Pop-up-Stores kann eine schnelle Reaktion auf Trends erkannt werden. „Need for Uniqueness“ oder kurz NFU ist ein neuer Treiber für junge Kundinnen und Kunden. Alles muss einzigartig sein und damit knapp. Knappheit erhöht bekanntlich auch den Kaufdruck und man ist bereit, höhere Preise zu zahlen. DDas Hightech-Vorreiterland USA erlebt derzeit eine Renaissance der stationären Ladengeschäfte und Shopping-Center. Jahrelang schien es, als würde der E-Commerce das Ladensterben in den US-Innenstädten massiv befeuern, doch nun zeigen die Zahlen ein anderes Bild. Mitte 2023 hat die Zahl der stationären Geschäfte laut dem Einzelhandelsverband NRF mit knapp 1,1 Millionen einen neuen Rekord erreicht. Ketten wie Walmart, Target oder Dick’s Sporting Goods, aber auch digitale Labels investieren derzeit massiv in den Ausbau, da die „Brick and mortar“-Geschäfte oftmals profitabler und umsatzstärker sind als die digitalen Kanäle. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher suchen wieder das Einkaufserlebnis vor Ort. Sie wollen einen direkten Produktkontakt, die haptische Erfahrung und eine persönliche und fachkundige Beratung. Umfragen zufolge ist die Förderung der lokalen Wirtschaft und die damit verbundene Unterstützung der Gemeinschaft ein weiterer Beweggrund. Stationäre Geschäfte setzen daher verstärkt auf Kundenbindung. Dieser Trend bestätigt sich durch die steigende Anzahl renovierter und neu eröffneter Läden, die mit innovativen Konzepten stationären Filialen neues Leben einhauchen. INTERNATIONALE TRENDS MACHEN HOFFNUNG Ein Blick nach Deutschland: Hier mehren sich die leerstehenden Verkaufsflächen und Warenhäuser in bester Innenstadtlage. Nach der jüngsten Studie des Immobilienverbands Deutschland IVD lag die bundesweite Leerstandsquote im Einzelhandel 2021 bei 20 Prozent. Dies entspricht einer Steigerung um rund ein Drittel im Vergleich zum Vor-Pandemie-Niveau. Die Gebäude abzureißen ist meistens keine Option: Ein Abriss ist teuer und ökologisch meist nicht sinnNEUER GLANZ FÜR ALTE FLÄCHEN In Deutschland steigt die Leerstandsquote im Einzelhandel, doch die Krise birgt AUCH CHANCEN: Innovative Konzepte und Nutzungsstrukturen könnten vor allem große Einzel- handelsflächen wieder aufleben lassen – und die Zurückhaltung der Investoren abbauen. TEXT Beatrix Boutonnet
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