Immobilienwirtschaft 3/2024

54 · Immobilienwirtschaft · 03 / 2024 Schwerpunkt Manage to Green der Baubranche skaliert umsetzbar. Das Materialkataster agiert dabei als Vermittler zwischen den Akteuren entlang des gesamten Materialkreislaufs, indem es den beteiligten Personen in jeder Lebenszyklusphase wichtige Informationen zur Verfügung stellt. Besonderes Potenzial hat beispielsweise die Verknüpfung von Bauwerksdaten mit internationalen Rohstoffbörsen, Material- oder Produktdatenbanken, da es auf diese Weise wertvolle Einblicke in tagesaktuelle Restwerte und Umweltdaten einer Immobilie generieren kann. Entsprechende Einblicke können auch schon für die Planungsphase interessant sein, um verbesserte Planungsentscheidungen zu treffen. BESTAND TRIFFT AUF DIGITALISIERUNG Ein entscheidender Faktor bei der Materialdokumentation ist der Detailgrad, also die Angabe von objektspezifischen Informationen inklusive deren Verortung. Denn umso genauer die Datenangaben sind, desto besser kann die anschließende Verwertung von Materialien und Produkten eingeschätzt werden. Ein Gebäuderessourcenpass ermöglicht es, auf einen Blick zu sehen, wie es um die vorhandene Bausubstanz steht, ob sie zu erhalten und zu verbessern ist. Dass Bestand nicht immer ein Fall für den Abriss ist, wird auch dank des Prinzips des Industrial ReUse und einem Leipziger Sanierungsobjekt deutlich. Das Ziel: ein nachhaltiger Umgang mit bestehenden Materialien durch die Digitalisierung des 45.000 Quadratmeter großen Gewerbeobjekts. Statt das Gebäude abzureißen und neu zu bauen, soll es saniert und modernisiert werden. Im Vordergrund stehen dabei die präzise Vermessung und Analyse des Bestandsgebäudes. Anschließend werden alle Bauteildaten um Herstellerinformationen ergänzt. Dank dieser genauen Dokumentation ist es zukünftig möglich, Materialien und Bauteile bei Umbau oder Rückbau direkt an die Hersteller zurückzuführen. So entsteht ein geschlossener Kreislauf auf industrieller Ebene: Industrial ReUse. Dr. Patrick Bergmann, Geschäftsführer von Madaster Germany, betont die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: „Um den CO 2 -Ausstoß zu reduzieren und Ressourcen zu schonen, müssen wir den Blick auf den bestehenden Gebäudebestand richten. Hier liegt ein enormes Potenzial, das es zu nutzen gilt. 2017 von der Madaster Stiftung gegründet, ist das Materialkataster inzwischen die Grundlage für ein neues Wirtschaften und zukunftsfähige, nachhaltige Geschäftsmodelle geworden.“ Mithilfe eines ausgeklügelten Track-and-Trace-Systems im Materialkataster werden Herstellern präzise Einblicke in die zukünftige Verfügbarkeit von Ressourcen ermöglicht. Dies fördert die Skalierbarkeit der hochwertigen Wiederverwertung in der gesamten Baubranche und ermöglicht es Planern, effizienter zu arbeiten, da sie auf umfangreiche Mengen von sekundären Baustoffen zurückgreifen können. Für Bestandshalter eröffnet Industrial ReUse viele Möglichkeiten und profitable Vorteile. Anstatt alte Gebäude konventionell abzureißen und den Bauschutt unter hohen Kosten zu entsorgen, können sie Materialien gezielt weitervermitteln und aus einem Rückbau Gewinn erwirtschaften. Die vermeintlich „nutzlosen Gebäude“ werden so zu wertvollen urbanen Ressourcen. Nachdem sich Nachhaltigkeit bisher nur begrenzt in Zahlen messen lässt, soll die (EU) 2020/852 Taxonomie-Verordnung – kurz EU-Taxonomie – Abhilfe schaffen. Seit dem 1. Januar 2024 sind finanzielle und nicht-finanzielle Organisationen verpflichtet, über ihre taxonomische Eignung zu berichten. Zum Hintergrund: Finanzprodukte sollen durch die neue Verordnung auf Grundlage ihrer Nachhaltigkeit kategorisiert werden und Finanzströme in nachhaltigere Aktivitäten umgelenkt werden. So erhalten Investoren und Bürger der EU genaue Informationen darüber, welche wirtschaftlichen Aktivitäten nachhaltig sind. Bis zu 100 Punkte pro Unternehmen sind möglich. DER PRIMÄRENERGIEBEDARF IST AUSSCHLAGGEBEND Im Hinblick auf den Neubau spielt vor allem der Primärenergiebedarf des Gebäudes eine maßgebende Rolle. Dieser muss mindestens zehn Prozent unter dem Standard für Niedrigstenergiegebäude gemäß Gebäudeenergiegesetz (GEG) liegen. An dieser Stelle wirken sich ebenfalls die CO2-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Objektes, also auch graue Emissionen, auf den Bedarf aus. Zusätzlich wird die Ressourceneffizienz wie auch die Materialauswahl ausgewertet. Und wie sieht es beim Gebäudebestand aus? Der Primärenergiebedarf muss die gesetzliche Mindestanforderung für bestehende Gebäude einhalten (GEG §48). Im Falle einer Sanierung muss eine Verbesserung von mindestens 30 Prozent des Nettoprimärenergiebedarfs im Vergleich zur Ausgangsleistung des Gebäudes vor der Sanierung erreicht werden. Die Verordnung spielt also eine eher untergeordnete Rolle, wenn es um die Nachhaltigkeitsbewer- „UM DEN CO2-AUSSTOSS ZU REDUZIEREN UND RESSOURCEN ZU SCHONEN, IST DAS MATERIALKATASTER INZWISCHEN DIE GRUNDLAGE FÜR EIN NEUES WIRTSCHAFTEN UND ZUKUNFTSFÄHIGE, NACHHALTIGE GESCHÄFTSMODELLE GEWORDEN.“ Dr. Patrick Bergmann, Geschäftsführer von Madaster Germany

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