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Bisherige Ansätze
reichen nicht aus
Wohnen im Alter.
Die Bundesregierung setzt auf ein eigenständiges
Leben bis ins hohe Alter. Doch dazu benötigen wir altersgerechten
Wohnraum und auch Wohn- und Quartierskonzepte.
Mitte April 2012 hat die Bundesregie-
rung ihre Demografiestrategie vorge-
legt. Unter dem Titel „Jedes Alter zählt“
widmet sich diese einer großen Band-
breite an Handlungsfeldern. Für die
ältere Generation steht ein möglichst
langes selbstbestimmtes Leben im Mit-
telpunkt. Jedoch bleibt die Strategie bei
der Benennung konkreter Ansätze und
Maßnahmen eher vage. Zudem stellt sich
angesichts der demografischen Entwick-
lungen die Frage, wie realistisch die dort
aufgezeigten Szenarien sind.
Bis 2050 fast doppelt so viele
Pflegebedürftige
Mit dem deutlichen Zuwachs über
80-Jähriger wird der Pflegebedarf erheb-
lich steigen. Die derzeit etwas mehr als
zwei Millionen Pflegebedürftigen werden
bis 2050 auf voraussichtlich weit über vier
Millionen zunehmen. Diese Entwicklung
droht die vollstationäre Dauerpflege und
armes Wohnumfeld. Lösungsansätze
bieten sozialraumorientierte, integrierte
Wohn- und Quartierskonzepte, die ver-
schiedene Bausteine bündeln: Die An-
passung der Wohnungsbestände und
des Wohnumfelds, wohnortnahe Versor-
gungsinfrastrukturen (zum Beispiel über
rollende Supermärkte oder Dorfläden),
soziale Einrichtungen gegen die Ein-
samkeit (Nachbarschafts-Treff, Mehrge-
nerationenhäuser, Seniorennetzwerke),
dezentrale Beratungsstellen, kleintei-
lig organisierte häusliche Tagespflege,
betreutes Wohnen und Wohngemein-
schaften.
Für eine altersgerechte Quartiers-
entwicklung ist die Verknüpfung ver-
schiedener kommunaler Stellen, der
Wohnungswirtschaft, der Sozial- undGe-
sundheitswirtschaft und ehrenamtlicher
Initiativen notwendig. Mittlerweile kom-
men altersgerechte Quartierskonzepte
sowohl in der Stadtentwicklung als auch
in der Altenhilfe vermehrt zum Einsatz.
Bundesbau- undBundesfamilienministe-
rium befördern dies über verschiedenen
Programme. Doch die Unterstützung be-
zieht sich meist auf einzelne modellhafte
Projekte und kann kaum flächendeckend
vom Staat alleine organisiert werden. Um
das Konzept von Wohnen und Leben im
Alter im Quartier zu erproben und wei-
terzuentwickeln, beteiligt sich der Deut-
sche Verband an dem europäischen Ko-
operationsprojekt „HELPS“, das sich mit
innovativen Wohn- und Pflegeansätzen
beschäftigt.
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die Finanzierung von Sozial- und Pflege-
versicherung zu überlasten. Deshalb gilt
es, dringend die Voraussetzungen dafür
zu schaffen, dass auch Pflegebedürftige
so lange wie möglich in der eigenen
Wohnung bleiben können, zumal dies
dem Wunsch der allermeisten älteren
Menschen entspricht.
Dass hierfür vier- bis fünfmal mehr
altengerechte Wohnungen benötigt
werden, ist bekannt. Denn bislang gibt
es nur in fünf Prozent aller Senioren-
haushalte keine oder kaum Barrieren.
Dennoch sieht der Haushaltsentwurf
2013 erneut keine Mittel für das KfW-
Programm „Altersgerecht umbauen“ vor,
mit dem zwischen 2009 und 2011 rund
83.000 Wohnungen angepasst wurden.
Zwar führt die KfW die Unterstützung
mit Eigenmitteln als Darlehenprogramm
fort. Doch für Selbstnutzer sind Darle-
hen ungeeignet, da viele Banken älteren
Menschen ein Darlehen verweigern oder
Letztere ihre Nachkommen nicht mit
Schulden belasten wollen. Mit Blick auf
die Zukunft wäre es deshalb dringend
geboten, den aktuellen energetischen
Schwerpunkt der Förderung auf den al-
tersgerechten Umbau auszuweiten.
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ntegrierte Wohn- und
Quartierskonzepte
So zentral der altersgerechte Umbau für
einen langen Verbleib in der eigenen
Wohnung ist: Dies allein reicht nicht
aus. Genauso wichtig ist ein barriere-
www.immobilienwirtschaft.de 06 I 2012
Ingrid Matthäus-Maier, Vorsitzende
der Arbeitsgruppe Wohnungswesen,
Deutscher Verband, Berlin/Brüssel