Seite 80 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Sanierung auf Minergie-Standard mit neuer Technik
Pilotprojekt in der Schweiz: gutes Raumklima
bei geringem Energieaufwand
Das Startup-Unternehmen Air-On AG aus Cham bei Zug in der Schweiz hat ein neues Raumklima-Belüftungsgerät auf den
Markt gebracht. Das Besondere dabei: Das Gerät kann nicht nur heizen und lüften, sondern auch die Luft reinigen sowie
be- und entfeuchten. Dabei lassen sich die Geräte einfach in das bestehende Heizsystem integrieren. Erste Erfahrungen mit
dieser Technik wurden unter anderem im Leuchtturmprojekt Ankengasse in Wetzikon nahe Zürich gesammelt.
Bei der dieser Technik bauten die Ingenieure
in einen Klimakonvektor, der anstelle des
(alten) Heizkörpers eingesetzt wird, unter
anderem Peltier-Elemente ein – eine Art
thermoelektrische Wärmepumpe. Die erste
Stufe, beispielsweise eine zentrale Luft/
Wasser-Wärmepumpe im Heizungskeller,
kann sich so auf die effiziente Bereitstel-
lung von Niedertemperatur konzentrieren.
Die Differenz zur Raumbehaglichkeit gleicht
der Konvektor aus.
Das hat folgenden Vorteil: Im Mehrfamili-
enhaus muss die erste Stufe nicht teuer und
inneffizient Hochtemperatur bereitstellen,
nur weil das Rentnerehepaar im zweiten
Stock auch tagsüber zuhause ist, während
für die Wohnungen der vielen aushäusigen
Mieter oder Eigentümer eine Grundtempe-
ratur ausreichen würde. Das intelligentere
Verfahren belässt es bei der Grundtempe-
ratur und konditioniert die Luft nur pro
gewünschtem Raum nach. Diese Funktion
kommt in der Air-On-Entwicklung den Pel-
tier-Elementen zu. Bis rund 20°C schiebt
es an Vorlauftemperaturen nach oder aber
es kühlt die schwüle Sommerluft um einige
Grad Celsius herunter. Die erste Stufe im
Heizungskeller dagegen fährt immer im
sparsamen Optimum.
Im Prinzip handelt es sich bei dem Gerät
um einen „aktiven Raumklimagestalter“.
Das heißt, die Einheiten heizen und kühlen
selbstverständlich, be- und entlüften, be-
und entfeuchten und regeln darüber hinaus
über eine CO
2
-Messung die notwendige
Luftwechselrate. Bei einer Sanierung ersetzt
das Gerät den alten Heizkörper und nutzt
die bestehenden Heizleitungen.
Im energieoptimierten Wohnungsbau mit
Baustandards wie etwa Minergie in der
Schweiz oder Passivhaus in Deutschland
sind effiziente Heizsysteme, eine dichte
Gebäudehülle sowie kontrollierte Lüftung
elementar. Eine zentrale Lüftungsanlage
beansprucht aber wertvollen Raum, lange
Lüftungsleitungen müssen versteckt und
später regelmäßig gereinigt werden. Bei
einer Sanierung ist oft der Einbau einer zen-
tralen Lüftungsanlage nicht möglich. Als
Einzelraumregelung benötigt das Raum-
klima-Belüftungsgerät hingegen keine Lüf-
tungszentrale, keine Steigleitungen oder
abgehängte Decken, um Lüftungskanäle
zu verstecken. Neben der Raumbelüftung,
die bei einer quasi dichten Gebäudehülle
wichtig ist, kann das Gerät die Raumluft
automatisch entfeuchten, um gerade im
isolierten Raum Schimmelbildung zu ver-
meiden.
Leuchtturmprojekt „Ankengasse“
Das Air-On-bestückte und untersuchte
Gebäude im Mehrfamilienhaus Anken-
gasse stammt aus dem Jahre 1959. Vor der
Sanierung umfasste es 18 Wohnungen. Der
Eigentümer, die GEWO Züri Ost, stockte es
im Zuge der Umbaumaßnahmen um eine
Etage auf. Die Statuten der GEWO sch-
reiben den Minergie-Standard im Falle einer
Modernisierung vor. Neubauseitig hatte das
Objekt damit keine Probleme. Im Altbau
(Unterbau) mussten dagegen die Fenster
und die Fassade auf das hohe Niveau
der 2.000-Watt-Philosophie nachisoliert
werden. Die 2.000-Watt-Gesellschaft ist
ein energiepolitisches Modell, das die ETH
Zürich entwickelte. Gemäß dieser Vision
sollte der Energiebedarf jedes Erdenbewoh-
ners sich auf 2.000 Watt pro Stunde ver-
ringern. Die Mitteleuropäer beanspruchen
heute einen Mittelwert von 6.000 W/h, die
Nordamerikaner 12.000 W/h. Projekte wie
Minergie P oder Passivhaus verfolgen das
Ziel einer 2.000-Watt-Gesellschaft.
Die Ankengasse kam auf hohe 20,3 Liter
Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche für
Heizen und Warmwasser pro Jahr. Im Fall
der Ankengasse war eine konventionell-
mechanische Lüftung als eine der Forde-
rungen des Minergie-Standards schwer
umzusetzen, da Zimmerhöhe und
Raum-
größe Einschränkungen verlangt hätten.
Pilotprojekt Ankengasse in der Nähe von Zürich: auf Minergie-Standard sanierter Altbau – mit
einer aufgesetzten Neubau-Etage.
Quelle: Air-On AG
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Gebäude und Technik
Raumklima