Seite 38 - DIE_WOHNUNGSWIRTSCHAFT_10_2011

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Gesprächsreihe „Zukunft findet Stadt“
Wenn der Bioladen
an die Stelle von Rudis Resterampe tritt
In vielen deutschen Großstädten ist der wissenschaftliche Begriff der Gentrifizierung zur politischen Kampfparole gegen die
Verdrängung einkommensschwächerer Bewohner geworden. Im Rahmen der Gesprächsreihe „Zukunft findet Stadt“ fragte
der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), ob die Aufwertung von Wohnquartieren wirklich
immer schlecht sein muss.
Die Entwicklung der Mieten in den Innen-
stadtbezirken war ein zentrales Thema im
Vorfeld der Wahl zum Berliner Abgeordne-
tenhaus am 18. September. Insofern kam
die Frage genau zum richtigen Zeitpunkt,
die der BBU in seiner gemeinsam mit der
„Berliner Zeitung“ durchgeführten Reihe
„Zukunft findet Stadt“ aufwarf: Unter dem
Motto „Berlin – Provinz oder Metropole?“
ging es um soziale Stadtentwicklung und
Mietenpolitik. Dabei konstatierte BBU-Vor-
standsmitglied Maren Kern eine erhebliche
Diskrepanz: Während Berlin von außen als
dynamische Metropole wahrgenommen
werde, schienen die Hauptstädter selbst
diese Veränderung zum Teil überhaupt nicht
zu schätzen. Ein Zeichen dafür sei, dass „die
für eine Großstadt ganz normale Mieten-
entwicklung emotionalisiert wird“ – eine
Anspielung auf die im Berliner Wahlkampf
hochkochende Debatte über angeblich
exorbitant steigende Mieten.
Hintergründe der Gentrifizierung
Den Hintergrund der Debatte, die kei-
neswegs nur in Berlin geführt wird, analy-
sierte der renommierte Stadtsoziologe Prof.
Dr. Hartmut Häussermann. Der „Wandel von
der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie“
habe zu einem „Wachstum wissensbasierter,
kreativer Tätigkeiten“ geführt. Wer solche
Berufe ausübe, vermische in der Regel beruf-
liches und privates Leben. Dies sei jedoch
nur in einem urbanen Umfeld möglich. „Die
komplexe Stadt“, so Prof. Dr. Häussermann,
„ist die Voraussetzung, um einen solchen
Lebensstil erfolgreich zu führen.“
Die Folge ist laut dem Stadtsoziologen eine
verstärkte Nachfrage nach Wohnraum in
innerstädtischen Altbaugebieten. Dabei
komme es zur Konkurrenz zwischen zwei
Gruppen innerhalb der wissensbasierten
Ökonomie: zwischen gut verdienenden
Führungskräften und dem akademischen
Prekariat, das sich mit schlecht bezahlten
Auf trägen über Wasser halte. Beide
Gruppen, so die Analyse von Prof. Dr.  Häus-
sermann, pflegten einen ähnlichen Lebens-
stil, hätten aber unterschiedliche finanzielle
Möglichkeiten.
Dieses Ungleichgewicht zeige sich im übli-
chen Ablauf der Gentrifizierung, den der
Wissenschaftler so schilderte: Das akade-
mische Prekariat entdeckt ein innerstädti-
sches Viertel mit billigen Wohnungen und
Gewerbeflächen, nutzt es für seine Projekte
und macht es so bekannt. „Statt Rudis Res-
terampe gibt es einen Bioladen“, illustrierte
der Referent die Entwicklung. Dadurch
werden die Angehörigen der „High-End-
Berufe“ auf das Quartier aufmerksam. Weil
sie höhere Mieten bezahlen können, ver-
drängen sie die erste Generation der Gen-
trifizierer.
„Gentrifizierung führt zunächst zu einer grö-
ßeren Heterogenität“, stellte Prof. Häusser-
mann fest. Das bedeute, dass nicht mehr
nur Bezieher von Transferleistungen in
einem Viertel wohnten. Und das sei genau
das, was die Politik beispielsweise durch die
Einrichtung eines Quartiersmanagements
anstrebe. Allerdings sei diese Aufwertung
durchaus ein „ambivalenter“ Prozess –
„denn wenn er begonnen hat, ist er kaum
zu bremsen“.
Veränderung ist wünschenswert
Dass Aufwertung nicht zwingend negativ
sei, betonte in der anschließenden Diskus-
sion Berlins Stadtentwicklungssenatorin
Ingeborg Junge-Reyer: Die „Leute, die wir
lange ersehnt haben“, kämen jetzt in Stadt-
teile, in denen sich zuvor die sozialen Pro-
bleme geballt hätten. Auch Frank Bielka,
Vorstand des landeseigenen Wohnungsun-
ternehmens degewo, betonte, dass Verän-
derung manchmal sehr wünschenswert sei
– etwa in Vierteln, in denen kaum jemand
von eigener Arbeit lebe.
Der hohe Wohnungsanteil der landesei-
genen Wohnungsbaugesellschaften und
der Genossenschaften, so der degewo-
Vorstand weiter, biete in Berlin die Mög-
lichkeit, auf die soziale Entwicklung der
Stadt Einfluss zu nehmen. Allerdings, so
die Ansicht von Senatorin Junge-Reyer,
sei der aufgeheizten Debatte zum Trotz
„die Wohnungssituation in Berlin im nati-
onalen Vergleich hervorragend“. Einer
finanziellen Förderung des Wohnungs-
neubaus erteilte die Senatorin denn auch
eine klare Absage; sie erneuerte lediglich
ihr Angebot, den kommunalen Gesell-
schaften unter bestimmten Bedingungen
landeseigene Grundstücke zu günstigen
Konditionen für den Wohnungsneubau zur
Verfügung zu stellen.
Christian Hunziker, Berlin
Der nördliche Teil des Berliner Bezirks
Neukölln gilt als Beispiel der Aufwertung
eines Stadtteils. Dagegen regt sich Wider-
stand.
Quelle: Christian Hunziker
Die Wohnungswirtschaft
10/2011
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Wohnungsmarkt
Gentrifizierung